Zum Inhalt springen

Apfelstrudel in Amman

Schwarzbrot, Apfelstrudel und Brezel gibt es in Gabrielas Bäckerei. Ja und? Naja, Gabriela ist nicht Bäckerin in Wien Hernals, sondern im fernen Jordanien. Also quasi das Gegenstück zu all den wunderbaren Wirtsleuten und Kochlöffelschwingerinnen aus der Levante, die jetzt in Österreich wirken und werken. Dort in Jordaniens Hauptstadt Amman kredenzt Gabriela jedenfalls österreichische Köstlichkeiten. Grund genug, Sie mit einigen Fragen zu löchern.

Rückblick: Wie die gewogenen LeserInnen wissen, war ich im Vorjahr zweimal in Jordanien um mit syrischen Flüchtlingen und Helferinnen und Helfern zu sprechen. Ich besuchte das größte Flüchtlingslager der Region, war bei Flüchtlingsfamilien in Zarqa und in Mafraq. Untergebracht war ich in einem Hotel in Amman. Deshalb wollte ich die Gelegenheit nutzen und Gabrielas Bäckerei besuchen. Doch leider fehlte die Zeit. Dabei wäre ein Abstecher bei der einzigen Österreichischen Bäckerin in Jordanien eine feine Sache gewesen. Aber auch so hat mir die umtriebige Unternehmerin ein paar spannende Antworten auf meine Fragen gegeben:

Gabriela, wie bist du auf die Idee gekommen, eine europäische Bäckerei in Jordanien zu eröffnen?

Die Idee entstand nach mehreren Besuchen und Gesprächen mit Expats, die europäisches Brot vermissten. Ein herzhaftes dunkles Brot, knuspriges Gebäck, das sind Sachen, die man im Nahen Osten nicht so leicht findet.

Was waren die größten Schwierigkeiten dabei, bzw. die größten Überraschungen?

Erstmal geht es viel einfacher, wenn man einen Partner hat, der nicht nur die Sprache spricht, sondern auch die Kultur versteht. So musste mein Partner Ali sich z.B. sechs Monate mit den Elektrizitätswerken herumschlagen. Aber auch jede andere Behörde verlangt viel Zeit und viele Besuche, wo man stundenlang herumsitzt und von einem Beamten zum anderen geschickt wird. Leider wird man als Unternehmer nicht so unterstützt wie in anderen Ländern. Wir haben auch ständig Probleme damit, dass Mobiliar von den Behörden „mitgenommen“ wird, genauso wie Pflanzen, die wir als Dekoration vor dem Shop aufstellen.
Importe sind langwierig und werden von enormen Zöllen behindert. Es kann auch sein, dass ein Produkt plötzlich nicht gar mehr ins Land darf. Mohn ist so ein Problemkind.

Was bietest du in deiner Bakery an?

Klassisches dunkles Sauerteigbrot, Weißbrot und -gebäck, herzhafte Snacks, Vollkornbrot und -gebäck, Brezel, Buttertoast, Feinbackwaren wie Brioche, Nusshefezopf und vieles mehr.

Hast du die Kultur für das Sauerteigbrot aus Österreich mitgenommen?

Ja, die Kultur kommt aus Österreich. Wir bieten verschiedene Sauerteigbrote an: Vom Vollkorn bis Apfel oder Walnuss, Krustenbrot und Bauernbrot.

Wer kauft in deiner Boutique Bakery ein?

Wir haben natürlich einen hohen Expat-Anteil, aber auch die einheimische Mittel- und Oberschicht. Ausländische Studenten kommen häufig in unseren Jabal Weibdeh Shop.

Verkaufst du dein Gebäck auch an Restaurants und Supermärkte?

Wir beliefern viele Restaurants, 5-Stern-Hotels, einige Supermärkte und den Königlichen Hof. Dazu machen wir Catering – von kleinen privaten Veranstaltungen bis zu großen Events.

Was ist das meistverkaufte Gebäck?

Am beliebtesten ist der Apfelstrudel und die Brezel. Der Strudel wird bei uns nach einem alten Rezept, natürlich mit gezogenem Strudelteig, gemacht. Allerdings ohne Rosinen, die sind hier nicht so beliebt.

Woher beziehst du die Zutaten für deine Köstlichkeiten?

Alles muss importiert werden. Vom Mehl bis zu den Walnüssen. Jordanien hat zwar Mehl, aber da wir hohe und gleichbleibende Qualität für den Sauerteig benötigen, können wir mit dem heimischen Mehl nicht arbeiten. Natürlich sind importierte Zutaten wesentlich teurer, aber dafür ist die Qualität so, wie es sein soll. Das Roggenmehl kommt z.B. von einer deutschen Mühle, die Saaten kommen aus Österreich, die Walnüsse aus Kalifornien. Aber eine Zutat kommt aus Jordanien: das Olivenöl.

Du hast deine Bäckerei im wasserärmsten Land der Welt eröffnet. Legst du besonderes Augenmerk auf ökologische Nachhaltigkeit?

Jeder im Unternehmen ist angehalten, so effizient wie möglich mit Ressourcen umzugehen. Das betrifft nicht nur Wasser. Wir fangen das Wasser, dass wir von der Benutzung der Klimaanlage erhalten auf und wässern Pflanzen damit. Plastiktüten werden wiederverwendet und Produkte, die nicht verkauft wurden, gehen an Sozialküchen, die die Lebensmittel an Menschen in ländlichen und ärmeren Gebieten verteilen.

Wird in deiner Bäckerei alles selbst gebacken? Legst du auch noch selbst Hand an? Was liebst du an deinem Beruf?

Bei uns wird alles selbst gebacken, Mein Team ist mit Freude dabei. Ich trainiere junge Mitarbeiter in der Patisserie oder bin in der Produktentwicklung. Als Unternehmerin in einem Kleinbetrieb heißt es immer „hands on“. Ich fange in der Früh mit der Auslieferung an, gleichzeitig wird alles was aus dem Ofen kommt, stichprobenweise auf überprüft. Danach bespreche mit meinem Produktionsmanager bestehende Aufträge und neue Ideen. Anschließend wird die Büroarbeit erledigt, da ist von E-Mails bis Marketing alles dabei. Nachmittags oder Abends folgen oft Meetings mit Großkunden, dazwischen erledige ich noch Einkäufe von Zutaten, die nicht angeliefert werden. Meist geht mein Tag zwischen 21 und 22 Uhr zu Ende. Ich habe vielleicht kein Privatleben mehr, aber ich mag es, wenn der Tag so richtig „brummt“.

Gibt es in der Boutique Bakery Wiener Cafe Spezialitäten? Könnte ich bei dir einen Einspänner bestellen?

Nachdem Alkohol im Nahen Osten so eine Sache ist, wird man wohl nirgends einen Einspänner bekommen. Besonders als Bäckerei werde ich keine Alkohollizenz bekommen, aber wenn sie eine Melange verlangen, wird sie von mir persönlich serviert.

Wie verfolgst du den Krieg im Nachbarland Syrien? Welche Auswirkungen hat der Krieg auf das Leben in Jordanien?

Der Krieg ist hier natürlich noch mehr in den Nachrichten präsent als in Europa. Freunde, die teilweise noch Familie in Syrien haben, sind besorgt. In direkter Nachbarschaft zu einem meiner Shops leben viele Syrer, viele schon seit 40 Jahren. Man geht in Jordanien mittlerweile von rund ein bis zwei Millionen offiziellen und inoffiziellen Flüchtlingen aus und das ist für ein kleines Land schwer zu bewältigen. Es gibt sehr wenig Wasser, hohe Arbeitslosigkeit, Korruption und wenig Hoffnung, dass sich die Situation bessern wird.
Viele Menschen in Europa wissen nicht, dass Jordanien so viele Flüchtlinge aufnimmt und was das für dieses Land bedeutet. Man kann sich das auch schwer vorstellen, wenn man nicht ausführliche Information und Bilder zu der Situation hier bekommt. Das Zaatari Flüchtlings-Camp ist mittlerweile eine Stadt mit offiziell 80,000 Flüchtlingen, man geht aber davon aus, dass es inoffiziell doppelt so viele sind. Das entspricht einer deutschen Stadt wie Koblenz, Ulm oder Fürth.

Was darf ich mir bei meinem nächsten Besuch in Amman (abgesehen von der Bakery natürlich!) auf keinen Fall entgehen lassen? Deinen Geheimtipp, bitte!

Auf jeden Fall zum Roman Theatre und dabei einen Spaziergang durchs Zentrum machen. Da erlebt man das echte Jordanien.  Danach unbedingt Knafeh essen gehen: eine picksüße Köstlichkeit, die man am besten bei einem der Straßenstände kauft und gleich unterwegs verspeist. Und dann natürlich hinauf zur Zitadelle und die Aussicht über Amman genießen!

Für alle Jordanien-Reisenden geht’s hier zur Boutique Bakary auf Facebook.

Appendix: Levantische Küche in Wien

+ Liebe in der Marktwirtschaft
+ Zina’s Syrisches Restaurant 
+ Jasmin al-Sham – Essen beim Syrer

 

Share on Google+Tweet about this on TwitterShare on Facebook

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.