Zum Inhalt springen

Bulgarien kulinarisch: Boza, Pitka, Baniza

„Habt ihr dort auch Ernährungssicherungsprojekte besucht?“, fragt die grinsende Kollegin nach meiner Rückkehr aus Bulgarien. Das Interesse ist nicht beruflicher Natur. Natürlich nicht. Vielmehr mobbt mich die Gute. Und das mit Freude. Die Essenz der permanenten Sticheleien: Ich würde (im Büro) quasi nicht essen. Und wenn, dann nur Salat, Naturjoghurt und Nüsse. Und jetzt: Hilfsprojekte in Bulgarien, abgemagerter Stefan – klar soweit, oder? Die Bemerkungen der scharfzüngigen Kollegin immer ein Genuss. Tatsächlich habe ich auf meiner Bulgarien-Kurzreise aber nicht das karge Office-Menü, sondern allerlei andere Köstlichkeiten vertilgt. Von diesen soll hier zu Lesen sein:

Faschiertes mit Scharf

Bulgarien. Balkan. Da gibt es – logisch – faschierte Laibchen, gegrillt. Also nicht nur Laibchen, denn das Faschierte kommt in unterschiedlichsten Formen auf den Teller. Mit diversen Beilagen, die Balkanreisenden nicht unbekannt sind. Neu war mir allerdings die rote Sauce. Ajvar? Nein, nein, das ist Ljutenica, hat mir die Dolmetscherin beim Essen in der Schulkantine mit Nachdruck erklärt.

Ljutenica (in etwa mit „Scharfes“ zu übersetzen) wird aus gegrillten Paprika und Tomaten hergestellt, die zusammen mit Salz, Öl und Gewürzen zu einem Püree verarbeitet werden. Also doch quasi Ajvar. Allerdings mehr Tomatenmark. Leicht scharf, ketchupgleich. Der Tomaten-Paprika-Dip wird auch als Brotaufstrich gereicht. Einerlei: es schmeckt.

bulgarian_food

Bulgarischer Glückskecks: Baniza

Baniza ist ein Blätterteig-Gebäck, das in anderen Balkanländern in ähnlicher Form als „Gibanica“ bekannt ist. Verwandt ist das Gebäck mit den Cousins Burek, Börek oder Pita. Die bulgarische Cousine gibt es jedenfalls mit unterschiedlichen Füllungen. Sehr verbreitet ist jene aus Salzlakenkäse mit oder ohne Spinat (im Bild oben, links im Hintergrund zu erahnen). Es gibt allerdings auch eine süße Variante: Die süße Baniza ist auch Hauptbestandteil des traditionellen Weihnachtsmenüs, wie mir die Schulleiterin beim Essen in der Kantine erzählte. Interessant: In die Baniza wird zum Neujahr ein Papierstreifen mit Zukunftsdeutungen eingebacken. Glückskeks Balkanart, quasi.
Im Speisesaal der Grundschule in Banya war meine Baniza mit oranger Kürbisfüllung(!) und reichlich Staubzucker weniger zukunftsweisend, denn vielmehr einfach köstlich.

Am Flughafen oder zum Frühstück: Boza

Die liebe Kollegin und Bulgarienreiseplanerin hatte für die letzten Stunden in Bulgarien noch eine Überraschung parat, eine Spezialität des Landes. Am Flughafen in Sofia hat die Gute dann die Plastikflasche aus der Umhängetasche gefischt und grinsend Plastikbecher zum Verkosten verteilt. Sie wollte partout keine Auskunft über Geschmack und Inhaltstoffe geben.
Trinkt jeder hier in Bulgarien, der lapidare Kommentar. Im Augenwinkel sah ich unseren bulgarischen Begleiter nur langsam den Kopf schütteln. Egal, als alter Foodhunter und Allesesser, getrieben von unbändiger kulinarischer Neugier, greife ich mir den Becher mit der leicht viskosen hellbraun-beigen Flüssigkeit – optisch am ehesten vergleichbar mit Eierlikör – und stecke meine Nase ins Plastikrund. Vorsichtiges Schnüffeln, und sofort eine Erkenntnis: gut schmecken wird das Zeug nicht. Grauenhaft, der Geruch. Wenn man mit der Nase schon drin war, kann man aber genauso gut einen Schluck wagen. Das habe ich dann auch getan. Und noch einen. Und noch einen. Siehe da: das Zeug riecht schrecklich, schmeckt aber auch genauso. Untrinkbar das vermeintliche Nationalgetränk. Ich musste meine Fingerhutportion verschämt in den Mistkübel werfen.

Boza_bulgaria

Was ist also drin im Boza-Bräu? Ursprünglich Hirse. Heute werden jedoch alle möglichen Getreidesorten verwendet und fermentiert. Bei der Fermentation entstehen Milchsäure und Ethanol. Boza enthält also zwischen 0,6 und 1 % Alkohol. Bierähnlich, wenn man so will. Mit der osmanischen Herrschaft ist Boza an den Balkan und nach Bulgarien gekommen. Gibt es heute in jedem Supermarkt. Fun Fact: Die Bulgarinnen und Bulgaren trinken Boza vorzugsweise zum Frühstück(!) zu einer leckeren Baniza. Funktioniert (sofern man in der Lage ist, das Bräu zu trinken) aber sicher auch zu einem anderen Gebäck: der Pitka, nämlich.

pitka

Pitka statt Buchtel

Eine Pitka wurde mir in Bulgarien zu einer Tanz- und Gesangsdarbietung von Schulkindern in Tracht gereicht. Das 1er-Folkrore-Menü. Pitka ist offenbar auch eine Festtagsspeise. Die nahe Verwandtschaft zu den hiesigen Buchteln ist nicht zu leugnen. Hefeteiggebäck, superflaumig. Ich hätte meine Pitka gerne mit Butter und Marmelade verspeist. So wird’s gemacht:

Davor und dazu: Tarator, Schopska & Pivo

Ebenfalls verspeist und für gut befunden:
Tarator, die kalte Joghurt-Gurken-Suppe, schmeckt ein wie verdünntes Tzatziki und ist bei sommerlichen Temperaturen sicherlich ein Bringer.
Wer Balkanküche sagt, muss auch Schopska sagen. Siehe da, auch bulgarische Köchinnen und Köche beherrschen die Kunst der Zubereitung des traditionellen Salates.
Damit haben sie aber leider ihren BraumeisterkollegInnen einiges voraus. Ich muss hier leider niederschreiben, die von mir verkosteten bulgarischen Biere waren allesamt keine Offenbarung aus Hopfen und Malz. Durchgängig leichte Biere, recht seicht im Geschmack. Süffig, könnte man sicherlich sagen. Das Beste unter seinen Kollegen: Burgasko pivo, das in der Schwarzmeerküstenstadt Burgas gebraute Bier mit dem stattlichen Zweimaster auf dem grünen Etikett.

Die werte Leserin, der werte Leser, kann es bereits erahnen, die Sorge der garstigen Kollegin war unbegründet. Für mein leibliches Wohl war im weiten Bulgarien gesorgt.
Auch wenn mir manchmal ob anderer Eindrücke nicht zwingend nach Essen zumute war.

Share on Google+Tweet about this on TwitterShare on Facebook

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.