Zum Inhalt springen

How-To Guide: Fotografieren auf der Radtour

Natürlich will ich auch großartige Fotos machen, auf der Pyrenäentour. Für die werte LeserInnenschaft. Mein Knipser-Know-how ist jedoch begrenzt und das Themengebiet ein recht unüberschaubares. Deshalb nutze ich da eine Abkürzung: Ich fag mal schnell bei ExpertInnen nach. Menschen die sich seit Jahren mit der Materie auseinandersetzen und ihr erworbenes Wissen auch kurz und knapp an den Laien hinter der Linse weitergeben können. Diesmal die Opfer: Martin Hülle und Jürgen Weininger. Ein Crashkurs in Outdoor- und Radtourfotografie. [Mit meinen Ergänzungen]

Jürgen, Naturfotograf und Fotoreisender aus Blindenmarkt und Martin, Reise-, Landschafts-, Outdoorfotograf und Autor Schrägstrich Abenteurer aus Wuppertal, habe ich mit meinen Fragen zum Thema Fotografie auf Radtour belästigt. Hier die spannenden Ausführungen der beiden:

Welche Kameras würdest du für meine Zwecke (MTB Tour durch die Pyrenäen) besonders empfehlen? Und aus welchem Grund? DSLR, Kompakt, Systemkamera? Welches Modell wenn Geld keine Rolle spielt?

Jürgen: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es kommt darauf an welche Ansprüche in Bezug auf die Bildergebnisse gestellt werden und wo und in welcher Form die Bilder präsentiert werden sollen.
DSLR: Große kreative Freiheit (gehobene Klassen), Verwendung von verschiedenen Objektiven, viele nützliche Funktionen und gutes Rauschverhalten bei höheren ISO Zahlen.
Da ich selbst immer mit Spiegelreflexkameras fotografiert habe würde ich natürlich eine solche empfehlen. Ein Vorteil von DSLRs ist die große Auswahl an Objektiven. Ich würde einen Brennweitenbereich von ca. 17 mm (Weitwinkel) bis 200 mm (leichtes Tele) empfehlen. Sind die Ansprüche auf gute Bildergebnisse höher würde ich dafür 2 einzelne Objektive wählen. Ansonsten gibt es auch Objektive die diesen Brennweitenbereich in einem vereint haben, z.B. 18 – 200 mm.
Kompakt und Systemkameras: Will man hier gute Bildqualitäten erreichen hat man locker den Preis einer DSLR. Kompaktkameras würde ich nicht empfehlen. Zu wenig Einstellmöglichkeiten und eingeschränkte kreative Möglichkeiten, auch die Verwendung von Zusatzzubehör eingeschränkt. Systemkameras sind zurzeit stark im Kommen und die Qualität wird auch immer besser.
Ich kann nur aus Canon Sicht Empfehlungen abgeben: Bei Canon sind die 2-stelligen (EOS 60D) die Semiprofessionellen Kameras. Diese eignen sich für gehobene Ansprüche, haben viele Funktionen und sehr gute Bildqualitäten.

Martin: Für deine MTB-Tour durch die Pyrenäen würde ich dir zu einer spiegellosen Systemkamera raten. Eine DSLR-Ausrüstung ist sicherlich zu schwer und zudem auch nicht nötig. Du kommst mit kleinerem und leichterem Gerät zu gleich guten Resultaten.
Eine klassische Kompaktkamera hingegen bietet sicherlich zu wenig Möglichkeiten, es sei denn, minimalste Größe und Gewicht spielen die wichtigste Rolle. Steht jedoch die Fotografie auf deiner Reise auch im Vordergrund, bist du mit den Systemkameras, bei denen du auch die Objektive wechseln kannst, besser bedient.
Ob das nun ein Modell mit APS-C Sensor ist (wie die Kameras der Fujifilm X-Serie oder der Sony NEX-Reihe), oder ein MFT-Modell (wie von Olympus oder Panasonic) macht hinsichtlich der Bildqualität keinen enorm großen Unterschied. Herausgreifen würde ich hier die Fujifilm X-E1 und die Olympus OM-D E-M5. Für die Fujifilm spricht das klassische Bedienkonzept und die hervorragende Bildqualität, für die Olympus die vielleicht etwas bessere Outdoortauglichkeit aufgrund des Wetterschutzes der Kamera. [Tatsächlich liebäugle ich sehr mit der Olympus. Vor allem weil ich aktuell mit einer Pen unterwegs bin.] Ich bin ja vor einiger Zeit von Nikon DSLRs zu den Fujifilm-Kameras gewechselt und bereue den Schritt in keinster Weise. Mit einer viel kompakteren, leichteren und handlicheren Ausrüstung erziele ich Resultate, für die ich zuvor zum schweren Vollformat-Boliden greifen musste.
Für welche Kamera man sich schließlich entscheidet, hängt aber nicht nur von den rein technischen Möglichkeiten und der Ausstattung ab, sondern auch davon, womit man besser zurechtkommt. Das Handling muss stimmen. Daher macht es Sinn, die verschiedenen Modelle und Systeme vorab einmal in die Hand zu nehmen und ein Gefühl dafür zu entwickeln. Und da hat für mich ganz persönlich, Fujifilm gerade die Nase vorn. Ich mag deren Bedienung, Haptik und auch, dass sie eben nicht so klein sind. Sie liegen mir einfach gut in den Händen.
Vom Preis-Leistungs-Verhältnis sind viele Kameras ziemlich gleichauf, die Unterschiede marginal. Und wenn Geld keine Rolle spielt, dann investiere lieber in gute Objektive und nimm da mehrere Linsen mit, auch wenn dadurch die Ausrüstung wieder etwas umfangreicher wird. Für die Fujifilm X-E1 würde sich da neben dem für Reisen exzellenten 18-55mm Standardzoom als Ergänzung das 55-200mm Telezoom anbieten. Und falls noch ausgefallenere Perspektiven gewünscht sind, dazu noch das 14mm Superweitwinkel. So wäre das Set-Up perfekt! [Weitere interessante Ausführungen zum Thema Fotografie findet man auch auf Martins Blog. Lesenswert.]

Ausgesprochen nützliches Zubehör?

Martin: Eine gute Tasche, in die alles hineinpasst und welche die Ausrüstung vor Dreck und Wasser schützt. Eine ausreichende Anzahl an Akkus – ich weiß ja nicht, wie häufig du die Möglichkeit hast, diese wieder aufladen zu können. [Akkuaufladung sollte, so der Plan, zumindest alle zwei, drei Tage möglich sein. Ich werde mich trotzdem mit genügend kleinen Energiespendern ausrüsten.]
Ebenso diverse Speicherkarten. Und da gute und schnelle, wie z.B. die Extreme Pro Karten von SanDisk. Lieber mehrere kleinere (z.B. 8 GB oder 16 GB) als eine große (z.B. 64 GB) Karte. Falls mal eine kaputt geht, sind nicht gleich alle Bilder Futsch.
Ach ja, eine Datensicherung zwischendurch – auf einen mobilen Datenspeicher, ein Netbook oder Laptop – ist auch nie verkehrt.
Schließlich ein Stativ. Wenn Dir hier ein richtig solides zu schwer und zu groß ist, dann zumindest so ein GorillaPod, was Du nahezu überall befestigen kannst (aber: die Tragfähigkeit muss immer der verwendeten Kameraausrüstung entsprechen).

Jürgen: Sehr zu empfehlen ist ein Polarisationsfilter. Mindert die Sonnenflecken, verstärkt den Kontrast, belebt die Farben und macht den Himmel dunkler. Falls kein Stativ mit soll würde ich trotzdem ein kleines Tischstativ oder ähnliches (z.B: GorillaPod) mitnehmen, das das Gewicht auch trägt, für Selbstportraits und Actionaufnahmen. [Stativmäßige Übereinstimmung der Experten. Dann werde ich mir dieses Gerät mal ansehen]
Reinigungsset für Objektive und Kameragehäuse. Robuste Speicherkarten.
Ist keine Datensicherung unterwegs möglich ausreichend Speicherkarten mitnehmen und sie Staub und Wasserdicht verpacken. Ebenfalls ausreichend Akkus mitnehmen. Werden neue Akkus verwendet sie vorher einige Male laden und entladen. Akkus geben erst nach ein paar Ladezyklen ihre volle Leistung ab und halten danach länger.
Utensilien wie Klebeband (Gewebeband) und kleine Schraubenzieher können oft Wunder wirken bei kleinen Reparaturen. [Werkzeug ist radtechnikbedingt sowieso dabei.]
Silicagel Päckchen zu der Ausrüstung geben hilft ein wenig um Feuchtigkeit vorzubeugen. Hab solche Päckchen z.B. bei meinen Reinigungstüchern in meinem Fotorucksack. [Interessanter Hinweis.]
Eine Funkfernbedienung oder ein programmierbarer Fernauslöser für Selbstportraits in Aktion. Mit Mountainbike gibt das sicher einige gute Bilder.

Die 5 besten Tipps für gelungene Outdoor- und Naturfotos

Martin:

  1. Kenne die Grundregeln der Fotografie – wie den goldenen Schnitt – und beherzige sie. Aber gleichwohl breche damit.
  2. Auch die Faustregel, mit dem Licht zu fotografieren, sollte gezielt außer Kraft gesetzt werden, um durch das Gegenlicht mehr Stimmung ins Bild zu bringen. Mit geschlossener Blende (z.B. f/16), wird die Sonne zum Stern.
  3. Nutze starke Farbkontraste – wie blauen Himmel und ein gelbes Blumenmeer. Achte auf eine interessante Perspektive, die den Bildaufbau spannend macht.
  4. Vergiss das schlechte Wetter nicht. Oft entstehen bei Regen oder Nebel bessere Fotos als bei strahlendem Sonnenschein. Sei zu allen Zeiten wachsam, gegebenenfalls auch bei nächtlichem Mondschein.
  5. Beachte die Details – nicht nur die spektakuläre Landschaft oder ein besonders dramatisches Actionfoto machen am Ende eine gute Geschichte aus.

Jürgen:

  1. Sich Zeit nehmen für die Bildgestaltung.
  2. Keine Scheu vor hohen ISO-Zahlen. Bevor man ein Bild nicht macht sollte man etwas Bildrauschen in Kauf nehmen und den ISO Wert nach oben drehen. Ich habe Landschaftsaufnahmen schon mit ISO-Werten von 1600 aufgenommen.
  3. Ungewöhnliche Blickwinkel: Weg von der normalen Augenhöhe und die Kameraposition verändern. Dicht über dem Boden oder von einer höheren Position aus. Natürliche Umrahmungen nutzen wie Bäume oder Felsen.
  4. Den Vordergrund und den Hintergrund beachten: Interessante Objekte im Vordergrund platzieren. Die Ecken des Bildes beachten, damit nichts ins Bild hineinragt (z.B. Äste, etc.).
  5. Die richtige Schärfe im Bild beachten.

Die 5 größten Fehler beim Fotografieren in der Natur

Jürgen:

  1. Vernachlässigen des Wetterschutzes für das Equipment (Regen, Staub)
  2. Mangelnde Vorbereitung. Akkus geladen? Speicherkarten funktionieren?
  3. Kein Ausrüstungscheck. Alles mit, was mit soll?
  4. Keine Ersatzkamera. Ersatzgerät, falls die Hauptkamera Funktionsstörungen aufweist.
  5. Kein Backup für die Bilder.

Martin:

  1. Gerne wird versucht, einer überwältigenden Landschaft mit Weitwinkelobjektiven zu Leibe zu rücken. Doch schnell wirken die Bilder langweilig und der Betrachter verliert sich darin, ihm fehlen Maßstab und Bezugspunkte. Hier gilt es, den Vordergrund mit einzubeziehen, eine Staffelung zu schaffen, die einen hineinführt in das Bild.
  2. Versuche nicht nur das zu fotografieren, was alle fotografieren und schon 1000-mal abgelichtet wurde, sondern folge deinen Empfindungen und banne eigene Emotionen auf den Chip.
  3. Knipse nicht wahllos, erzähle eine Geschichte.
  4. Glaube nicht daran, man könne im harten Mittagslicht nicht zu guten Fotos kommen – zu jeder Tageszeit finden sich passende Motive.
  5. Gib dich nicht zu schnell zufrieden – Fotografie braucht Sorgfalt und oft ist’s ein langer Weg bis zum perfekten Bild. [Fernziel: Fotogeduld.]

Danke an Jürgen und Martin für den Wissentransfer!

Ich werde mir die Tipps umgehend zu Nutzen machen. Den Spitzenfotos aus dem spanofranzischen Gebirg, sollte nichts mehr im Weg stehen.
An dieser Stelle wird es bald weitere Schilderungen von meinen Vorbereitungen für die sommerliche Pyrenäen-Fotosafari geben. Ausrüstungserweiterungsgedanken machen sich bereits breit. Praxistestberichte direkt aus dem Sattel werden folgen.

Wer einstweilen tatsächlich großartige Fotos anschmachten will, dem seien die Werke der beiden Herren wärmsten ans Herz gelegt. An- und Abschauungsmaterial Güteklasse 1!
(Martins und Jürgens Werke)

Abschließend eine Anfrage aus der Interaktionsabteilung: Hast Du noch einige gute Tipps fürs Fotografieren auf der Radtour und Outdoor? Share your knowledge!

Share on Google+Tweet about this on TwitterShare on Facebook

7 Kommentare

  1. Du solltest Dir für Deine Tour eine GoPro auf den Helm picken und damit spannende Trails einfangen (und Bären-Wolf-Co-Begegnungen). 🙂
    Solarpanelchen zum Laden?

    • angekommen.in angekommen.in

      GoPro wird selbstverständlich erwogen. 🙂 Das mit den Solarpanelchen muss ich mir allerdings noch überlegen…

  2. angekommen.in angekommen.in

    Für alle MFT-UserInnen gibts es auf Torstens Seite eine super Übersicht zum Thema Objektive: http://tiny.cc/qib7xw

  3. Radfahren und Fotografieren – meine beiden liebsten Beschäftigungen, in letzter Zeit meist kombiniert. Das kann man natürlich in verschiedenen Gewichtungen betreiben. Und entsprechend würde ich die Empfehlungen hinsichtlich zu bevorzugendem Kamerasystem bewerten:
    Langsames Fahren von Fotostandpunkt zu Fotostandpunkt, also radfahrender Fotograf -> DSLR oder Systemkamera, eine Reihe von Objektiven, Stativ – alles schön in die Packtaschen / in den Rucksack.

    Knackige Rennradtour oder Trailhatz auf dem MTB: kleine Kompaktkamera in der Trikottasche. Bei mir ist das die Sony RX100. Beste Qualität in kompaktester Form, gewisser Brennweitenbereich vorhanden und RAW-fähig. Oder auch eine Systemkamera mit Pancake-Objektiv. Plus zwei weitere Objektive für besonders ausgedehnte Pausen, Abendtouren abseits vom Rad o.ä.

    Aber das wichtigste: Zugänglichkeit. Das umfangreichste System oder auch die kompakteste Kamera bringt dir keine schönen Fotos, wenn du dir unterwegs dreimal überlegst: „Schon wieder anhalten und die Kamera aus den Tiefen des Rucksacks kramen?“ Oder: „Teleperspektive wäre hier gut… Aber bis ich das Tele aus der Packtasche geholt habe…“

    Spätestens, wenn der Tag zuneige geht (und oft das beste Licht zur Verfügung steht), aber das Tagesziel (und damit das Bett für die Nacht) noch nicht erreicht ist, stoppst du weniger und weniger.

    Also würde ich (bei einem Touringansatz) vielleicht über eine kleine Lenkertasche nur für die (System-)Kamera nachdenken. Oder eine robuste Kompakte nehmen, die in eine Seitentasche des Rucksacks o.ä. passt. Bei Schwerpunkt auf Trailspaß oder Geschwindigkeit eine Kompakte für die Trikottasche.

    • angekommen.in angekommen.in

      Absolut richtige Anmerkungen. Bei mir wirds deshalb wohl eine Systemkamera werden. Derweil überlege ich meine PEN gegen die genannte Olympus OM-D E-M5 zu tauschen bzw. mein Sortiment zu erweitern.
      Bei der Zugänglichkeit kann ich dir nur zustimmen. Auch für mich ein entscheidendes Kriterium. Bin ich doch oft einfach zu faul die Kamera herauszukramen und wieder mühsam einzupacken. Vorallem während eines gepflegten Anstieges oder einer netten Abfahrt. Diesbezüglich werde ich mir wohl mal die Plates von Peak Design (https://peakdesignltd.com/plates) ansehen. Damit lässt sich die Kamera, sofern nicht übergroß und schwer, einfach am Rucksack befestigen und ist damit schnell zur Hand. So zumindest die Theorie. Wie gut sich dieses System für den MTB Einsatz eignet wird sich noch herausstellen. Alternativ ist eine kleine Lenkertasche bzw. Rucksack-Seitentasche sicher eine gute Lösung.

      • Puh, so eine Platte für Außenbefestigung am Rucksack wäre mir eine zu heiße Kiste.
        Selbst beim Rennrad (oder gerade beim Rennrad ;-)) kann’s schon mal harte Schläge geben (ruppiger Asphalt, Schlagloch übersehen etc.) – auf dem Trail noch mehr.
        Und selbst, wenn du ein Steckschutzblech für hinten hättest – Staub- und Dreckbeschuss könnte da doch unschön sein. Von Regenwetter gar nicht erst anzufangen.
        Für Gurtbefestigung vorn an der Brust… hmm, müsste man testen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.