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Good Mush

Schauplatz Sägewerk, Annaberg. Ende März und es schneit. Das kann durchaus ärgerlich sein, nicht jedoch für mein heutiges Vorhaben. Mit meiner Kontaktperson habe ich ein Treffen beim Sportplatz vereinbart. Er kommt im Jeep mit großem Anhänger. Er hat Arbeitskollegen und -kolleginnen mitgebracht – gleich mehr als ein Dutzend. Es kann endlich losgehen. Good mush!

Hundeschlitten-Weltmeister sind eher Tier- als Menschenfreunde, so die rasch gewonnene Erkenntnis. Macht aber nix, geht es doch um den Spaß mit den Vierbeinern. Ohne langes Gerede werden die bereits vorfreudig aufgeregten Hunde aus dem zweigeschoßigen Anhänger geholt. Einen nach dem Anderen darf ich an der Leine zu den vorbereiteten Plätzen führen und dort anketten. Die Tiere wissen Bescheid, ich nicht. Klappt dennoch ohne Probleme. Vorallem die jungen Tiere sind ganz aufgebracht und schleifen mich schon an der kurzen Leine hinter sich her. Sie können es kaum erwarten endlich loszulaufen.
Der anfängliche Respekt vor den sehr aktiven und unruhigen Fellträgern verfliegt beim anschließenden Kennenlernen und gegenseitigen Beschnuppern. Bereits nach ein paar Minuten zeigen sich deutliche Unterschiede im Charakter der Schneesportler. Aufgedreht, neugierig, zurückhaltend, ängstlich, frech, rutiniert. Alles dabei. Alles Sibirian Huskys im Alter von elf Monaten bis 13 Jahren. Kleinere Hündinnen und deutlich größere und kräftigere Rüden. Mit dabei der Familien-Schäferhund.

Schlitten und Leinen vorbereiten, so die Order. Ist schließlich kein Streichelzoo, sondern ein Hundeschlitten-Workshop. Somit hieß es den Hunden das Geschirr anzulegen und vor den Holzschlitten zu spannen.
Kurze Einleitung (Zitat in Orignallänge): So bremst man. Deutet auf den Boden gefolgt von einer kaum merklichen Fußbewegung. Das ist die Feststellbremse. Das der Anker. Immer den Anker in den Boden rammen. Kommandos: Steh. Langsam. Rechts und Links. In den Kuven soll man aktiv mitlenken. Zur Strecke: Einmal geht es über eine Straße. Dort aufpassen. Brücke gibt’s auch. Die Hunde verweigern dort oft. Je nach Gast-Musher. Ach ja, lass die Hunde ruhig arbeiten. Die brauchen das schon… Mehr einführender Worte bedurfte es nicht.

Ich erhalte vier kräftige Rüden. Normalerweise fahren wir mit zwei bis drei Tieren, bekommen ich zu hören. Es wird also schnell werden. Meine vier Gefährten sind kaum zu bändigen als sie eingespannt sind und den Zug auf den Leinen spüren. Bevor ich Gelerntes einordnen und nochmals durchgehen kann, heißt es auch schon: Stefan, fahr einfach mal voraus. Wir kommen dann schon nach. Kannst aber auch gleich die ganze Runde durchfahren. Geht schon!

Und ab geht die wilde Fahrt. Und wie. Durch den frisch gefallenen Schnee. Die Loipe – heute Track für die Schlittenfahrt – ist nicht mehr zu sehen. Ich habe natürlich eine Ahnung vom Wegverlauf. Straße, Brücke, was? Das Geheul der Hunde verstummt mit dem Blitzstart augenblicklich. Man hört nur mehr das leise Keuchen der Hunde und den Fahrtwind. Die Tiere genießen das Laufen vor dem Schlitten merklich. Und scheinen unermüdlich zu sein.
Das Manövrieren des ungewöhnlichen Gefährts gestaltet sich durchaus schwierig. Genauer gesagt als fast unmöglich. Die Hunde fahren Schlitten mit mir. Nur dank meines enormen Talents kann ich einen Sturz verhindern. Santa, falls du einen Praktikumsplatz frei hast, mit einem Schlitten kann ich schon umgehen. Bartwachstum: ausreichend.

Ein großartiges Gefühl beinahe laut- und mühelos – obwohl, sich auf dem Schlitten und diesen auf dem Track zu halten ist ganz ohne Anstrengung nicht möglich – durch die unberührte Winterlandschaft zu rauschen. Kanada-Wildniss-Erfahrung deluxe. Fühle mich wie Nicolas Vanier II.
Auf halber Strecke werden die Hunde schließlich doch langsamer. Motivationsbedingt, wie der Mehrfachweltmeister versichtert. Die könnten schon schneller. Faulpelze.
Nach einer kurzen Pause, geht es dann bergauf und mein Gespann muss richtig arbeiten. Natürlich versuche ich es den Vierbeinern mit Schieben ein wenig leichter zu machen – hoffe allederdings, dass mein Lehrmeister dieses Zeichen von Schwäche nicht sieht. Dann geht es in gestrecktem Galopp den Berg wieder hinunter. Und das macht freilich Spaß.

Leider ist der dann auch schon wieder vorbei, als ich als Erster – den Weltmeister geschlagen, eigentlich – wieder am Start ankomme. Die Hunde sind streichfähig. Kein ungeduldiges Gezerre und Geheul mehr. Stattdessen lassen sie sich bereitwillig an ihre Plätze bringen und freuen sich über das Lob des laschen Teilzeitmushers. Schon eine Ausfahrt hat gereicht um die Beziehung zwischen Mensch und Hund zu intensivieren. Die Scheu auf beiden Seiten ist verschwunden. Fühlt sich vertraut an. Erstaunlich.
Die Hunde werden anschließend getränkt und freuen sich sichtlich sich wieder in ihren Tourbus zurückziehen zu können. Nach dem Sport ist relaxen angesagt. Diese körperliche Betätigung kam mir als Passagier etwas zu kurz – ich hab wohl gern das Gefühl etwas mehr zur Fortbewegung beigtragen zu haben – bei richtigen, stundenlangen Ausfahrten und Expeditionen im hohen Norden, Tiefschneeverhältnissen und unwegsamen Terrain sieht dies aber sicherlich ganz anders aus. Kurzum mein Fazit: Für alle Outdoor-Enthusiasten und/oder Hundeliebhaber ist ein Hundeschlitten-Kurzabenteuer in heimischen Gefielden highly recommended, wie es anglophile Schlittenhunde-Hundeschlittenführer wohl ausdrücken würden.

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