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Heute wieder Beginner

Jeden Tag gibt es die Chance, wieder neu anzufangen. Wer beginnt, kann nicht alles können, dafür viel lernen. Man muss dann halt auch Unangenehmes in Kauf nehmen. Deshalb habe ich heute nach 20 Jahren wieder den Tennisschläger geschwungen.

20 Jahre ist es her. Oder länger. Zwei Jahrzehnte habe ich jetzt kein Tennis mehr gespielt. Nur zwischenzeitlich auf einer Schulsportwoche ein paar Tage den Schläger geschwungen. Ich kann mich noch an das diesige Licht in der muffigen Halle erinnern. Und an das Aufschlagtraining. Schleife über und hinter dem Kopf, ausschwingen. Die Erinnerung verlässt mich allerdings, wenn ich versuche, mir meine ersten Tennisversuche ins Gedächtnis zu rufen. Ich war wohl um die 12 Jahre alt. Mein Vater hat mit mir ein paar Tennistrainerstunden absolviert. Wie viele Einheiten kann ich nicht sagen. Genauso wenig, ob ich dann halbwegs passabel spielen konnte. Ich weiß auch nicht mehr, warum es dazu kam. Mein Vater hatte und hat mit Sport nichts am Hut. Trotzdem hat er mir die Möglichkeit geboten, die Filzkugel über die Sand- und Teppich-Gummi-Granulat-Plätze zu dreschen. So oder so: Nach den Kursstunden hab ich dann mit einem Schulfreund ab und an ein Match auf dem ein paar 100 Meter entfernten Tennisplatz gespielt. Bald mit Papas Racket, dessen dickeren Schlägergriff ich mittlerweile passabel umgreifen konnte. Danach immer wieder mal Tischtennis, Squash, Badminton, aber völlige Tennis-Abstinenz. Bis heute.

Heute habe ich wieder zum Schläger gegriffen. Eine tennisbegeisterte Freundin hat sich erbarmt und versucht, mir die Kugel rückschlagfreundlich vor die Füße zu spielen. Eine Stunde, für den Anfang. Ich war neugierig. Wie viel ist noch da, vom Tennisunterricht? Was hat sich Körper und Hirn gemerkt? Welche Bewegungsmuster sind noch abgespeichert, welche Muskelfasern können sich noch an Aushohl- und Ausschwungbewegungen erinnern?

Ich bin nicht gut darin und mache es trotzdem – oder gerade deswegen

Ich bin ganz geschickt, wenn es um Bewegung geht. Das ist mir wichtig, ich will alles beherrschen und immer besser werden. Beim Tennis aber betrat ich heute zum zweiten Mal Neuland. War wieder Beginner. Das ist unangenehm. Ich hatte keine Ahnung, ob ich überhaupt einen Ball retournieren kann. Muss ich in der vollen Tennishalle und als erwachsener Mann ein Service von unten machen? Kann mein Vis-a-vis überhaupt halbwegs mit mir spielen, oder ist es nur mühsam für sie? Ungewissheit. In einem Bereich, wo ich mich als gut empfinde, Schwäche zu zeigen, fällt mir nicht leicht. Ich habe sogar überlegt, noch rasch eine Trainerstunde zu nehmen. Nur um mir die unangenehme Situation zu ersparen.

Warum ich heute Tennis spielen war?

  • Komfortzone verlassen: Man macht immer lieber die Dinge, die man gut kann. Und scheut sich davor, zu zeigen, dass ich etwas nicht gut kann. Schwäche zu zeigen ist unangenehm. Was denken sich die Leute, wenn ich keinen Ball gescheit treffe? Was müssen sich die Typen im Fitness-Center denken, wenn ich mit dünnen Armen mickrige Gewichte bewege? Für die schnelle Rennradgruppe am Sonntag bin ich doch sicherlich zu langsam. Und so weiter. In welchen Bereichen reden wir uns noch ein, nicht gut genug zu sein? Ich will Dinge nochmals probieren, wenn sie mich interessieren. Auch wenn es bedeutet, nochmals zu von vorne zu beginnen. Das Alter oder anderes als Ausrede vorzuschieben kommt nicht in Frage. Veränderung kann nur passieren, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Heute also raus aus der Komfortzone, rauf auf den Tennisplatz.
  • Bewegungshorizont erweitern: Ich liebe alle Bewegungsformen, die eine manchmal mehr, die andere weniger und umgekehrt. Ich will mich nicht einschränken. Ich will nicht Triathlet sein, der nicht Fußballspielen kann. Nicht Tennisspieler, der sich keine 25 Meter über Wasser halten kann. Und nicht Radfahrer, der keine fünf Klimmzüge schafft oder im Langsitz nicht seine Zehen berühren kann. Neben der Lust an der Vielfalt, bin ich überzeugt davon, dass sich die unterschiedlichen Bewegungsarten gegenseitig befruchten. Der Tennisschwung hilft bei Koordination, Wahrnehmung, Gleichgewicht usw. und damit auch beim Laufen, Radfahren und Turnübungen.
  • Mehr spielen: Das spielerische Element darf im Sport und im Training, also in der täglichen Praxis, nicht zu kurz kommen. Wer schon einmal zwei Stunden auf der Rolle oder am Ergometer gestrampelt hat, weiß, das macht wenig Freude. Da ist wenig Platz für Kreativität, wenig Platz für Abweichung und lustvolle Variation. Doch wer es schafft, spielerische Elemente in seine Übungspraxis zu integrieren, wird langfristig mehr Freude am Tun haben. Das gilt vor allem für Ausdauersportarten. Man kann Spiel in allen Sportarten suchen und finden. Im Ballsport ist dieses Element gleich inhärent. Das Spiel mit- und gegeneinander ergänzt z.B. mein Lauf- und Radtraining und soll meine Bewegungspraxis abrunden.
  • Gemeinsam lernen: Ich versuche in all meinen Bewegungsspielarten von meinen MitspielerInnen, Trainings- und SportpartnerInnen möglichst viel zu lernen. Mir von den ExpertInnen Bewegungsmuster abzuschauen, kleine Tricks ausfindig zu machen. Herangehensweisen aufzusaugen und für mich auszuprobieren, zu adaptieren. Ich liebe es, Menschen beim Bewegen zuzusehen. Ich könnte Stundenlang beim Laufen, Schwimmen, Turnen, Boxen oder eben beim Tennisspielen zusehen – und mache das auch mitunter. Meist vor dem TV-Gerät. Übers zusehen kann ich Bewegungen später im eigenen Tun nachahmen. Und da geht es nicht nur darum, den Besten beim AusÜben ihrer Kunst auf die Körper zu schauen, sondern bei allen Joggerinnen, Freizeitschwimmern, Wohnzimmer-Jogis und Senioren-Tennisstars Muster, Routinen und Spielarten zu erkennen.
  • Menschen kennenlernen: Wer als Lernender und Anfänger um Hilfe bittet, öffnet sich und tritt in intensiven Austauscht mit dem Gegenüber. Distanz ist so rasch abgebaut. Im gemeinsamen Bewegen kann ich Freunde besser kennenlernen, neue Menschen treffen und damit neue Impulse erhalten. Weißt Du, wie sich Deine Freunde bewegen? Wie sie laufen, spielen? Hast Du Deine Arbeitskollegen schon einmal zum Basketballspielen herausgefordert? Bist Du mit Deinen Geschwistern schon Radtouren gefahren oder auf Berge gegangen? Bewegung verbindet. Im gemeinsamen Spiel lernen wir uns nochmals kennen.

Wann immer ich die Chance habe, etwas Interessantes zu lernen, neu anzufangen, will ich sie ergreifen. Ängsten und vermeintlichen Hindernissen zum Trotz. Denn wenn man sich nicht bewegt, bewegt sich nichts. Etwas nicht zu können heißt nur, die Möglichkeit zu haben, viel lernen zu können. Auch wenn man mit über 30 Tennis spielt wie ein 12-Jähriger. Das Fazit der heutigen Tennis-Stunde: Beginner zu sein ist fühlt sich richtig gut an. Und ich kann es kaum erwarten weiter daran zu arbeiten, dass das auch bei meiner Vor- und Rückhand des öfteren so ist.

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