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Langlaufleichtigkeit

Das Pielachtal liegt im Nebel. Und im Sterben. Die kleinen Ortschaften, kaum noch durchblutet, verkümmern. Verlassene Fabriken und Mühlen, Schaufensterläden zum Verkauf. Die Dirndlnotfallbehandlung – verordnet von Marketingmenschen aus der großen Stadt – wird den Fremdenverkehr nicht ankurbeln und das neue Dirndlzentrum des Landes nicht beleben. Verzweiflung scheint den gefühlt alle 500 Meter am Straßenrand aufgestellten, logobestückten, farbenprächtigen Schildern anzuhaften. Willkommen im Tal der Dirndl. Wo im Mainburger Tanzcafé Bolleros Discofox auf Walzer und Line Dance trifft. Und jeden Samstag: Sie wünschen, wir spielen.

Vielleicht war es aber auch nur das Grau unter der Nebelschicht, die Freitagvormittagsleere der Gehsteige und Raiffeisenbank-Hauptplätze. Vermutlich ist dieses Stück Mostviertel bei Sonnenschein und Frühlingsgrün für Durchreisende und die verbliebenen Rabensteiner, Loicher und so weiter tatsächlich ein ansehnlicher Flecken Welt.
Mit dem Skoda durch das Tal pressend, war für mich nur der Namensgeberfluss ein trostspendender Anblick. Dessen Wasser verweilt nicht, es fließt nur durch. Auch Regionen – Menschenansiedlungen – gehen ein. Und warum auch nicht? Selbstreiningung, quasi Heilfasten. Das Pielachttal entschlackt.

Raus aus dem Nebel

Während die Pielach – übrigens von erstaunlicher, fischersmannrelevanter Wasserqualität – sich ihren Weg Richtung Donau bahnt, hieß mein Ziel: Puchenstuben. Der Plan: Zwei Tage Langlaufen am Turmkogel. Raus aus Wien, den bürogeschwächten Körper durchbewegen, wachrütteln und die reizüberflutete Birne freikriegen.
Und siehe da, bei Frankenfels passiert es: die Sonne bricht durchs Nebelgrau. Gleichzeitig Stimmungsaufhellung hinter dem Steuer. Die Mundwinkel ziehen nach oben, so auch die Straße nach Puchenstuben. Über der Nebelsuppe, endlich.

Die 323 Puchenstubnerinnen und Puchenstubner leben auf knapp 900 Metern, auf einem recht schmalen Hügelrücken. Mit Ausblick rundum. Namensgebend, so las ich, war wohl eine Stube gezimmert aus dem Holz des bekannten Laubbaumes, in der die Wallfahrer auf dem Weg ins nahe Mariazell einkehrten. Auch Puchenstuben kann die österreichweite Grundausstattung vorweisen: Kirche, Friedhof, Kreisler – hier Kaufladen zur Buchenen Stub’n – und Wirtshaus – hier gar zwei. Und, als kleines Extra, eine Postfiliale sowie, aufgepasst, Puchenstubens Alleinstellungsmerkmal, der Energieplatz. Wichtiger jedoch, gleich bei der Ortseinfahrt, eine Pension, die einzige.

Bevor ich hier vorstellig werden wollte – ich hatte meinen Besuch vorab telefonisch angekündigt – sollte es allerdings gleich noch in die Loipe gehen. Wer zum Langlaufen oder zum Schilauf gekommen ist, passiert Puchenstuben und fährt noch ein paar Kilometer weiter rauf zum Turmkogel. Nach einigen Kehren mit Postkartenblick auf den Ort, kündigt ein monströses Schild das Berghaus Turmkogel, Lifte und Loipen an. Auch Sonnenbaden wird versprochen. Das Piktogramm lässt hier keine Zweifel.

Ich parke den Gelben vor dem bewirteten Berghaus. Der Besucheransturm hält sich an diesem Freitag in Grenzen, lediglich ein paar Autos auf dem, zentimeterdick mit Schneematscheis überzogenen Parkplatz. Ich will einen Loipenpass kaufen, also ab ins Langlaufzentrum. Hier sitzt eine heitere Alte inmitten hunderter Leihschier, zwischen Fundhauben und vermissten Handschuhen hinter einem Holztischchen. Vier Euro soll die Tageskarte kosten. Als ich bezahle  wird mir klar, dass die meisten Leute offensichtlich unten direkt an der Loipe beim Automaten löhnen. Blitzgeschwinde Automatenbezahlung. Der benötigte Freischein wird einem nach Münzeinwurf umgehend vor die Füße gespien. Mehr Freude macht es da bei der Herrin des Langlaufzentrums.

Zwei Schlepplifte, Babylift, Schikarusell und nicht zuletzt ein Zauberteppich, so präsentiert sich das Familienschigebiet Turmkogel – Kinderlose nicht gerade Zielgruppe. Das Langlaufzentrum liegt auf über 1.000 Meter Seehöhe. Mich erwarten 35 Kilometer Langlaufloipen.

Es ist kalt. Kalt und sonnig. Nicht die schlechtesten Bedingungen zum Laufen. Ungeduldig streife ich die Montur über, wachse sporadisch – und amateurhaft – meine klassischen Schier. Die neue Actioncam im Sack. Nach heldenhaftem Aufwärmgezappel in Langlaufstrumpfhosen ist allen Anwesenden klar: der meint es ernst. Wird jetzt gleich die Loipe zerlegen – Dæhlie-Style, mindestens. Hände in die Stockschlaufen und los geht die wilde Fahrt.

Lebendig laufen

Das Geläuf ist prächtig präpariert. Unberührt liegt sie vor mir, die Loipe. Doppelstockschiebend vorbei am unbelebten Ticketautomaten rein ins Vergnügen das man Langlauf nennt. Die 1er, zum Start. Alles der Reihe nach. Ich fliege über wintersportkataloggleiche Panoramawege. Gleite durch lichten Nadelwald. Den kalten Laufwind im Gesicht. Überhole – Dæhlie, wäre stolz – lahme Mitläufer und erinnere Nerven und Muskulatur an bereits bekannte Bewegungsabläufe. Bald geht es recht gepflegt bergan. Wieder Überholen, raus aus der Spur und im Grätschritt flott aufwärts, die fünfeinhalb Kilometer lange Silbergrubenrunde. Nach rund einem bin ich oben. Am Höhepunkt. Ende der Steigung. Das Herz pocht kräftig, der Atem schnell, die Muskeln gespannt. Ich spüre. Lebendig.

Nach dem rauf, auch wieder runter. Rasant, aber mit Fotohalt. Momentkonservierungszwang. Wofür hab ich die Kamera denn? Immerhin: Schnappschüsse klappen mit dem neuen Winzling rascher als mit der Olympus. Allzweckweitwinkelei, Ausrichten, Knopfdrücken, fertig. Stehenbleiben mag ich trotzdem kaum.

Schweinernes an der Wand

Nach 90 Minuten Erstbesichtigung laufe ich zurück zum Restaurant. Essenspause, bevor es am Nachmittag weitergeht. Also rein ins alte Berghaus. Schischulheim-Strandbandimbiss-Atmosphäre. Kunstvoll laminierte Schilder mit Abbildungen der Speisen – allesamt Klassiker der landestypischen Imbisskulinarik. Die einzigen weiteren Gäste: Eine Mutter mit zwei Kleinkindern und blutigroten Pommesresten auf blauen Plastiktabletts. Und ein Pärchen am Nachbartisch, das sich am heutigen Valentinstag eine Portion Knödl mit Ei teilt. Die Beiden stochern vertraut im gemeinsamen Krautsalatschälchen. Zwei Gabeln, immerhin.
Der großgewachsene Chef des Hauses steht hinter der Buddel bei der Speiseausgabe. Selbstbedienung, das Motto. Der Mittfünfziger brüllt die Essensbestellungen durch die Durchreiche in die Küche. Ehefrau Köchin wirft hinten die Frittaten in die Suppe, hüllt das Schweinerne in die Panier und tunkt die Buchteln in die Vanillesauce.

Weil es zu still ist im Gastraum, schaltet der Bestellungsschreier den Fernseher ein. Es läuft die Wiederholung des gestrigen Schirennens. Ich male mir aus, dass hier am Vorabend einiges los war. Auch im Kleinstschigebiet sicherlich große Begeisterung für den Hirscher Marcel. Biergelage und Jubelgröhlerei inklusive. Während ich noch versuche mich zurechtzufinden und die bunten Karten an der holzvertäfelten Wand fixiere, erfüllt Polzers Euphorie – aufgewärmt vom Vortag – den großen Speisesaal. Auf die Frage, ob das Geschäft denn gut gehe, gibt der Wirtsmann keine Antwort. Die vergangene Woche sei jedenfalls viel los gewesen. Stressig gar.

Ich ordere Suppe. Frittaten. Will nur kurz pausieren, um mich dann wieder in der Loipe auszutoben. Magenlast ist da unerwünscht. Für das Leitungswasser nimmt er nichts, sagt der Chef und bringt das Halbeliterglas auch noch an den Tisch. Sonne wärmt durchs Fenster meinen Rücken, der prächtige Ötscher gleich hinter der Scheibe. Ich werfe einen Blick auf die Loipenkarte und schlürfe meine heißen Palatschinkenstreifen. Und fühle mich wohl.

Frühaufsteher

Nach der Nachspeise aus dem Kofferraum starte ich in die zweite Laufeinheit. Klausgraben und Ötscherblick-Runde sind angesagt. Beide mit Profil – höhenmeter- und panoramamäßig. Topfeben ist anders. Das gefällt und fordert Kraft. Nach zwei Stunden bin ich durchgeputzt, körperlich und hirnmäßig. Gedankenlos ruhe ich kurz in der Sonne an der Berghauswand. Dann mache ich mich auf, es gilt die Pension zu beziehen.

Ich bin eh da, hat sie gesagt am Telefon, die Frau Inge. War sie dann aber nicht. Obwohl da war sie schon, nur gehört hat sie mein Läuten und Klopfen nicht. Fernseher, schon betagte Frau und so. Ich, bereits in der Pension stehend, aber noch zimmerschlüssellos, rufe also an bei Frau Inge mit dem Mobiltelefon. Sie hebt ab am Festnetz und erscheint aus dem scharferhundschildbeschützten Privatbereich des Hauses. Kurz angebunden war sie, die Pensionsbesitzerin. Zimmer im ersten Stock, Nummer 1. Frühstück wann ich will, sie sei Frühaufsteherin. Die Rettungshundestaffel – deren zwei- und vierbeinige Mitglieder belegen die restlichen Zimmer – frühstückt um halb acht. Ich bestelle das Frühstück um neun. Nicht aus Menschenscheu, ich will vorher noch in die Loipe. Mag es, mich vor dem Frühstück draußen zu bewegen. Die morgendliche Langlaufgelegenheit will genutzt werden.

Der Kaufladen zur buchenen Stub’n hat übrigens freitags ab 15 Uhr geschlossen. Ich müsse runter nach St. Anton oder Frankenfels, so Inge. Im Interspar St. Anton angekommen, zwei Verkäuferinnen und ich, Eindringling. Stressige Arbeitsplätze sehen jedenfalls anders aus, denke ich mir und nicht ohne Neid.
An der Kassa stehe ich dann mit einem einheimischen Jugendlichen an. Ich kaufe ich Gebäck, Käse, Joghurt und anderes Kleinzeug. Sebastian – die Verkäuferin kennt den Halbwüchsigen – ein Packerl Lucky Strike, einen Energydrink und eine Flasche Billig-Eistee. Nein, Mozartkugeln haben wir leider keine, Sebastian, entschuldigt sich die Kassafrau. Während es meine Packung Maiswaffeln beim heißhungergetriebenen Aufreißen im Auto zerfetzt – Auspackkünstler werden sie mal in meinen Grabstein meißeln -, schlendert der Basti rauchend durchs bereits dämmrige St. Anton davon.

Zurück in Inges Pension verläuft der Abend unspektakulär. Essen, Altmann lesen und Sonnenuntergang und Dämmerungsrot hinter den Hügeln beobachten. Einundzwanzig dreißig schlafe ich bereits und sabbere auf die schwarzen Fremdhaare am Blumenmusterkopfpolster.

Gedankenstill

Frühmorgens wieder raus aus Bett, Fremdhaar und Pension, rein ins Auto und rauf auf den Turmkogel. Erster. Nur ein einsames Campingmobil steht auf dem Parkplatz. Für den Morgenlauf zerre ich wieder die Klassik-Latten aus dem Packsack. Ich passiere gerade  Otto Mat als sich die Sonne über und durch die Baumwipfel kämpft.
Die Loipe ist frisch präpariert. Und durch die niedrigen Temperaturen der Nacht hart – will heißen schnell. Die 1er soll es wieder sein, vor dem Frühstück. Kein Mensch, kein Wind, kein Geräusch. Nur mein Keuchen in der Frische, Herzpochen und Schischuppenreibung. Einfaches Glück.

Seelig sitze ich eineinhalb Stunden später in Inges lichtdurchflutetem, geweihtragenden Frühstücksraum Schrägstrich Wintergarten. Darf’s ein Frühstücksei sein? Ja, Inge, sehr gern. Das Frühstückspensionen-1er-Menü gibt’s da bei Inge am Hügelrücken. Ein breites Sonnentortee-Sortiment als willkommener Ausreißer. Trotzdem gut.
Die Nachbarin kommt zu Besuch und tratscht mit Inge im Nebenzimmer, während ich mein weiches Ei kappe. Die Frau Soundso ist schon wieder im Spital. Die wünscht sich ja quasi, dass sie irgendwas hat. Es hat immer nur sie was. Alle anderen haben ja nix. Und Jahresversammlung wäre auch ich wieder im März. Aber Inge will nicht kommen. Waren so viele Gäste da in letzter Zeit. Sie will mal nichts tun. Und sagt das auch. Die Nachbarin geht wieder. Gefällt mir – also Inges Entschlossenheit mal nichts zu tun.

30 Euro bezahle ich für die Nacht. Bar gezahlt, herzlich bedankt und verabschiedet. Schönes Wochenende, Frau Inge. Zeug im Kombi verstaut und wieder rauf auf den Kogel. Skating ist angesagt. Genauer: 5.6 Kilometer Wastl-Loipe. Im Skatingschritt zügig zum Start der einzigen Skating-Loipe des turmkogelschen Langlauf-Eldorado. Perfektes Geläuf auch hier. Frisch gerippt das Weiß. Die Wastl-Charakteristik: Anspruchsvolles auf und ab zwischen Bäumen und auf einer freien Fläche dann Ötscherblick. Schließlich laufe ich vier Runden, eine davon voll am Anschlag um den gelbbejackten Finder meiner verlustig gegangenen Heldenkamera einzuholen. (Was mir nicht gelingen sollte. Als wartete ich. Und das erfolgreich.)

Nach der vierten Runde sind die Beine müde, die Arme kraftlos. Aber das Herz dankbar, dass es  wieder einmal richtig pumpen durfte. Oberschenkellahm stapfe ich den letzten Hügel rauf zum Loipeneinstieg. Ich verschlinge die mitgebrachte Banane, die obligatorischen Nüsse und Rosinen und lasse mich vor dem Langlaufzentrum auf eine Heurigenbank fallen. Mit der Sonne im Gesicht und im Kurzarmleiberl sitze ich hier eine Stunde und glotze vor mich hin. Gedankenstill. Beobachte stolze Mütter und Väter, die ihre Sprösslinge beobachten, die andere Kinder im Schikarussell beobachten. Und die Kinderschleuder, die dreht sich und dreht sich. Und ich frohglotze und frohglotze.

Bis ich mich wieder aufmache. Runter ins Tal. Heimwärts.

 

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2 Kommentare

  1. Danke! Hahaha, selektive Wahrnehmung…

  2. Sehr schöner und ausführlicher Bericht. Gefällt mir gut! Und schöne Fotos – die kleine Kamera ist wirklich praktisch im Alltag…

    Und natürlich konnte ich auf Anhieb ein Nutella-Glas am Frühstückstisch erspähen… sehr sympathisch!

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