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Lenzerheide

„Buchung bestätigt. Hallo, Du fährst nach Vaz/Obervaz! Bitte überprüfe unten Deine Reisedaten und nimm schnell Kontakt mit Deinem Gastgeber auf, um die Details Deiner Anreise zu bestätigen.“

So stand’s in der E-Mail, Anfang Oktober 2014. Kurzentschlossen hatten wir uns entschieden: der traditionelle Schilauf zum Jahreswechsel sollte ertmals im benachbarten Ausland stattfinden. Mit der Lammstelze im Ofen, war die Entscheidung, auch mangels Alternativen (Arlberg Vorlaufzeit mindestens ein Jahr) und auf Grund hoher Anforderungen (Ischgl- oder Sölden-Niveau betreffend Größe und Qualität des Schigebiets, schneesicher, Appartement für 5 Personen nahe an der Piste/Loipe & last not least: nicht unpackbar teuer), rasch getroffen. Die Wahl: Lenzerheide, Graubünden, Schweiz.

Shortfacts Schigebiet Lenzerheide/Arosa

  • 225 Pistenkilometer – fein.
  • Liftkarte für 5 Tage: CHF 292.00 (243 Euro) – erträglich.
  • 56 Kilometer Loipennetz für jedes Niveau – Pluspunkt.
  • Höhe zwischen 1500 und 2900 Metern – Ende Dezember schneesicherheitstechnisch sehr wichtig.

Lenzerheide Anreise

Die Anreise, oder: „gut inveschtierte 40 Franke“

Google Maps Prognose lautete: 7 Std. 31 Min. über A1.
Tatsächliche Fahrtzeit am 29.12.2014: 14 Std. hinter Schneepflügen, über verschneite Pässe und beim Kettenan- und -ablegen.

Aber der Reihe nach: Aufbruch frühmorgens im neuen Auto – einem wenig glamorösen, aber umso zweckmäßigeren Skoda Fabia Combi TDI. Drei Personen, Gepäck bis unters Dach. Die erste wilde Fahrt für den, wie sich bald herausstellen sollte, leicht untermotorisierten „Gelben“. Der erste Vorgeschmack auf den Roadtrip im Sommer 2015, quasi.

Nach 30 Minuten Fahrzeit, die erste Einsicht: Trottelblöd hatte ich die Jacke vergessen. Also retour. Jacke geholt, 60 Minuten verloren. Next: Autobahn. Salzburg, Deutsches Eck, Schneefall setzt ein. LKWs bleiben hängen – Gott sei Dank hinter uns. Dennoch: Einer pflügt vor uns. Eine knappe Stunde zuckeln wir mit Tempo 50 dahin. Vor Feldkirch und dem Grenzübergang nach Liechtenstein wurde der Schneefall immer dichter und die Straßenverhältnisse immer schwieriger. Wiewohl, schönes Winterwunderland, eigentlich.
Trotz der widrigen Bedingungen blieben wir starrsinnig bei unserem Plan die Autobahn in der Schweiz zu umgehen. Weil nur Jahresvignette á 40 Franken. Und schließlich will man ja auch gern mehr sehen von der schönen Schweiz.
Nur: Mittlerweile war es längst dunkel geworden und außerdem galt es einen Pass zu überwinden. Das war uns so nicht bewusst. Obwohl, die Bezeichnung „Steigstraße“ hätte uns zu denken geben können.

Adrenalinverzerrte Erinnerungen an die Überquerung des liechtensteinischen Hochgebirgspasses zwischen Balzers und Maienfeld: Schneefahrbahn, ungeräumt natürlich, immer steiler werdende Straße, „das geht auch ohne Ketten“, BMW-Frau in Kehre zurückgelassen, Schritttempo – Euphemismus, Warnlichter blinken, kurze Panikattacke und Insassen-Schreiduell, „Gipfel“, Abfahrt zwischen engen Steinwänden. Überlebt. Wider Erwarten.

Gleich nach den 32-Kehren der „Leiter von Cattaro“ bei Kotor, Montenegro, bei strömendem Regen und endlosen Buskolonnen, die wohl schweißtreibenste Autofahrt meines Lebens. Oder wie es ein lustiger Einheimischer beim Stopp in Marienfeld treffend formuliert hat: „Dasch wäre wirkli gut inveschtierte 40 Franke gwese.“

Ergänzend sei angemerkt, dass die mitgebrachten Ketten die Montage schließlich vor der steilen Auffahrt zur Lenzerheide verweigerten. Dabei scheiterte es nicht an den geschickten Händen der Passagiere, sondern an der Größe der Ketten, die just nicht mit der Dimension der Reifen übereinstimmen wollte. Auf Grund der Angaben auf der Verpackung sind wir natürlich genau davon ausgegangen. Folgenschwere Fehlinterpretation – die Ketten im vollbepackten Kofferraum damit nur mehr unnützer zusätzlicher Ballast. Oder, wer beschönigen will: Zusätzlicher Anpressdruck auf der Hinterachse.

Dass die Schilderung hier nicht endet, lässt darauf schließen, dass wir dann nach dem Besuch dreier Tankstellen doch noch Ketten bekommen haben. Passende sogar. Und auch noch „günstig“. Anstatt 180 Euro, wie an der ersten Tankstellen angegeben, drückten wir – respektive ich – dann doch nur 80 traktionsfördernde, aber immer noch gescheit liquiditätseinschränkende, Euro ab. Nicht auszumalen, hätte die Schweizerische Nationalbank den Franken bereits Ende Dezember aufgewertet.

Schneeketten

Snowboarden in Lenzerheide/Arosa

  • Größe: absolut ausreichend für eine Woche. Wir sind in fünf Schitagen nicht jede Piste gefahren. (Auch faulheitsbedingt und weil die ausgesparten einfach nicht nach Spaß ausgesehen haben.)
  • Menschenmassen zu den Feiertagen verlaufen sich im Pistennetz sehr gut. Selten heißt es warten bei Liften.
  • Ebendiese sind allerdings überraschend selten von der modernen Sorte. Keine beheizten Sessel. Oft nichtmal Schutzhauben. Mitunter recht langsam. Liftanlagen in der Heimat sind hier schon eine Bergfahrt voraus, aber man ist ja sowieso gern richtig draußen, oder?
  • Überwiegend steilere Pisten. Jedoch selten sehr breit.
    Fürs Protokoll: In Lenzerheide gibt es von der FIS zugelassene Weltcuppisten für sämtlichen alpine Disziplinen der Frauen und Männer, weshalb das Weltcupfinale bereits des Öfteren hier stattfand. Pistenmäßig also auch für gute SchneesportlerInnen alles dabei.
    Empfehlung: Abfahrt vom Rothorn-Gipfel auf 2865 Metern Höhe über eine Galerie mit grandiosem Ausblick. Zudem meist recht leere Pisten, da oben. Haben offebar alle Angst vor dieser Gipfelabfahrt. Feiglinge.
  • Generell ist das Panorama ordentlich. So z.B. bei der Gondelüberfahrt vom Urdenfürggli aufs Hörnli (und damit nach Arosa) oder vom Sätzhorn-Gipfel auf den sonnigen Südhängen des Schigebiets auf Lenzerheide-Seite.

Lenzerheide Snowboard

Ein paar schnelle Worte zur Ausrüstung beim Snowboarden:

  • Mein Good-Board fährt sich großartig. Punkt. Auch nach einer weiteren intensiven Woche keinerlei Beanstandungen.
  • Die neue Primaloft-Haut hat sich ebenfalls bewährt. Bei Minus 14 Grad und Wind hätte ich sonst gefrohren, wie ein Blöder. Eiskalt war mir demnach nur in den Fingern.
  • Ja, die Pipe-Gloves wärmten nicht ausreichend. Ich wollte mir bereits im Vorfeld neue Handschuhe bzw. Überhandschuhe kaufen, daraus wurde dann aber nichts. Jetzt werde ich im Winter-Sale zuschlagen. Ich liebäugle mit Ortovox‘ Kinley oder Grönland Fäustlingen. Old-school. Schau ma mal.

Lieb langlaufen rund um den Heidesee

Langlaufen lässt es sich auch ganz vorzüglich in Lenzerheide. So z.B. eine Runde um den vereisten Heidesee. Die Heidesee-Loipe: Flach, gut präpariert. Anfängerarschflecksicher. Sowohl klassisch, als auch skating. Ich lief also von Valbella entlang des Sees und dann weiter durch der Ort Lenzerheide. Immer wieder zweigen kleine Schleifen mit anspruchsvolleren Teilstücken ab. Eine dieser steileren Loipen führte auch direkt hinter unserem Appartement vorbei. Der Ein- bzw. Ausstieg war nur 100m Luftlinie vom Balkon entfernt.
Highlight: Morgenlauf auf der frisch angezuckerten Loipe. Erste Spuren ins Geläuf ziehen, während die Sonne langsam hinter den Gipfel ringsum hervorkriecht. Vielmehr brauchts nicht.

Lenzerheide_(c)SS-(124)

Unterkunft in Valbella

Tipp zur Unterkunft: Lieber in Valbella statt direkt in Lenzerheide residieren. Vorteile: Günstiger, weniger touristisch, ganz klar idyllischer und ruhiger. Nachteil: Wenige Lokale.
Wir haben ein Appartement übers allseits bekannte airbnb gefunden und gebucht: Knapp 300€ pro Nacht. Drei Schlafzimmer. Offene, geräumige Wohnküche. Balkon. Garage und Schikeller.
Lage: Fünf Minuten zu Schlepplift, Loipe und Schibus. Spar vis-a-vis, Intersport (Rent!) gleich nebenan, ebenso Bäckerei und Café.

Bündner & Bärli – Hütten, Restautrants und Kulinarik

Gleich vorweg: Für Restaurantbesuche in schweizerischen Schigebieten fehlte mir das Kleingeld. Für unter 40 Franken bekommt man kaum ein Hauptgericht. Deswegen beschränkte sich die kulinarische Entdeckungsreise auf die Schihütte zu Mittag und den Supermarkt. Wenig atemberaubend. Erkenntnisse: Das Preisniveau auf den Hütten – eine Suppe kostet rund 7-8 Euro – ist hoch, entspricht aber immerhin dem Niveau. Durchwegs fein gekocht. Recht frische Zutaten verwenden die eidgenössichen Hütten-KöchInnen. Die Speisekarten sind mitunter recht umfangreich, das Speiseangebot reicht weit über Pommes und Würstel hinaus – das Bergrestaurant Stätz-Damiez – klingt ja auch nicht nach Schnellimbiss – sei an dieser Stelle namentlich erwähnt. Meine Verzehrsempfehlung für brieftaschenschlanke HüttenbesucherInnen: Bündner Gerstensuppe. Hier ein brauchbares Rezept zum Nachkochen.

Kässpätzle

„Da schau her, Bärli Biber!“, meine Verzückung ob einer Entdeckung im Supermarkt. Bärli was? Treue LeserInnen wissen: Appenzeller Bärli Biber haben schon in Basel gemundet. Und nun habe ich die Lebkuchenspezialität im winterlichen Graubünden auch noch in unterschiedlichen Packungsgrößen und Formen gefunden.
Für die Klugscheißer: Bärli Biber kennt man in der Schweiz offenbar bereits seit dem 16. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um ein gefülltes Lebkuchengebäck, dessen Teig aus Weizen- und Dinkelmehl sowie aus Haselnüssen und Honig zubereitet wird. Die Füllung: Mandel- oder Nuss. Bärli-Biber der Firma Bischofberger im Appenzeller Land werden nach wie vor Handarbeit hergestellt. So oder so, einfach lecker.
Übrigens: „Das Wort Biber ist eine Verkürzung aus Biberzelten und Biberfladen und taucht in Quellen der Ostschweiz und des benachbarten Konstanz schon im 14. Jahrhundert als bimenzelte auf. Das Bestimmungswort bimen(t) geht auf lateinisch pigmentum zurück und bezeichnet ein Gewürz, nämlich Nelkenpfeffer. Ein Zelte(n) ist ein flaches Gebäck (hiervon stammt auch das mundartliche Zältli für ‚Bonbon‘), wie auch ein Fladen ein flaches Gebäck meint.“ (Wikipedia)

Lenzerheide Kocherei

Erwähnenswert: Lebensmittel sind im Supermarkt meist nur geringfügig teurer als in Österreich. Bei Anreise-Zwischenstopp in Innsbruck fielen wir dennoch wie irre Prepper in Riesenmarkt ein. In der gut ausgestatteten, modernen Küche kochten wir jeden Abend wie um bayrischen Starköchen zu imponieren.
Kochlog: Raclette-Gelage am Silvesterabend. Schinkenfleckerl, Steak nach Blumenthals Methode, uvm.
Meine MitbewohnerInnen beglückte ich mit meinen Frühstücksbreikreationen. Ich sag nur: Karrotten-Haselnuss-Porridge. Deliziös. Ach ja, ein Kochbuch hab ich natürlich auch mitgebracht aus Graubünden. Vielleicht koche ich sogar einmal etwas daraus.

Winterurlaub in Lenzerheide – ein Fazit:

  • Die Anreise aus dem fernen Wien bietet großes Potential.  Geschichten, die man seinen Kindern bei den ersten Fahrversuchen erzählen kann. Pluspunkt.
  • Das Wetter war uns wie immer gewogen. Dringend benötigter Schneefall am Anreise- und Folgetag. Danach nur mehr Sonne – hoch zwei, würden die Marketing-Menschen der Region an dieser Stelle reflexartig einwerfen.
  • In Sachen Charme – Stichwort „idyllisches Bergdorf“ und so – hat Valbella ganz klar die Nase vor österreichischen Destinationen. Und ja, ein See ist nie verkehrt.
  • Und für alle RadlerInnen und SommersportlerInnen, die tatsächlich bis hier her durchgehalten haben: Lenzerheide ist eine Bikeregion, steht es geschrieben. Single Trails und Biketouren – 300 km ausgeschilderte Biketouren und rund 850 km GPS Touren – für alle (Un)Fähigkeiten etwas dabei. Plus ein neu ausgebauter Bikepark für die freireitende Zunft.
  • Und weil der Leser ja ohne abschließendes Resümee nicht weiterklicken will: Lenzerheide/Arosa ist in meiner ewigen Hitlist der besten Schigebiete knapp hinter Ischgl erster Verlierer. Ranking, Jahreszeit und allen verschneiten Hindernissen zum Trotz, besteht die sehr realistische Chance, dass mich die Graubündner und Innen wiedersehen.

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