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MTB-Tuning für die Pyrenäen-Tour

Aufgepasst, eine Warnung vorweg: Wer ein State-of-the-art All Mountain- oder Touren-Fully in der Preiskategorie um 2000 Eurotaler sein Eigen nennen kann, wird bei den folgenden Hinweisen keine Augenbraue heben. Die Tuning Tipps richten sich an all jene, die, wie ich, ihr geliebtes Mountainbike vorrangig für die regelmäßige Feierabendrunde in der Umgebung aus dem Radkeller holen. Und wenn RadlerIn nicht gerade in hochalpinen Regionen zuhause ist, reicht hierfür ein Hardtail MTB durchaus aus. Mehr noch: Ist meines Erachtens die erste Wahl. Wartungsarm, noch immer wesentlich leichter und für die eher tempoorientierte Unterholzaktion auf der Hausrunde einfach spritziger. Klar, wenn Geld keine Rolle spielt kann man auch die eierlegende Wollmilchsau erwerben und wird quasi in allen Zweiradsituationen zufrieden sein. Hinweis: Der Autor freut sich diesbezüglich stets über Zuwendungen.

Was aber tun, wenn man sich plötzlich in den behelmten Kopf setzt, mehrtägige Touren durchs Hochgebirge zu unternehmen? Der durch Radzeitschriften geschulte Geist schreit reflexartig nach einem neuen Rad. Ein Fully muss her. Geht doch nicht ohne! Sparbuch, be afraid. Bringt man sich ja sonst um. Die Argumente der Hersteller sind schlüssig: Effizient bergauf, komfortabel genug für lange Touren, stecken sie auch bergab voller Fahrspaß. Auch Carsten plädiert für ein vollgefedertes Gerät. Wohl nicht grundlos. Kurzum: Ein All-Mountain Teil ist der ideale Begleiter für meine Pyrenäen-Tour. Prädestiniert.

Ja zum Hardtail

Trotzdem: Ich werde die franzospanische Gebirgskette mit meinem Hausrunden-Hardtail bezwingen. Waaas?, höre ich die fachmännische LeserInnenschaft rufen. Das Entsetzen ist berechtigt. Der Entschluss wie folgt begründet:

  • Ich will nicht mal eben (wieder) einen Haufen Scheine in ein neues (weiteres) Fahrrad investieren. Der Platz im Kellerabteil und in der eigentlich als Wohnraum konzipierten Wohnung neigt sich zudem dem Ende zu. Außerdem nutze ich das schöne Sümmchen lieber für Outdoor-Unternehmungen und Reisen.
  • Mein Körper hat sich an das Gerät gewöhnt. Ich mag die Geometrie und die Sitzposition passt. Wiewohl natürlich nach wie vor regelmäßig kleine Anpassungen vorgenommen werden. Das kennt man ja.
  • Das Rad ist zuverlässig. Bislang keine Probleme oder Pannen. Nicht ganz unwesentlich auf einer langen Tour. Da ich das Rad aus ausgewählten Parts komplett selbst aufgebaut habe, weiß ich zumindest wer die alleinige Schuld trägt, sollte doch mal ein Gebrechen auftreten. Alle Schrauben wurden von mir angezogen, Bremsen eingestellt, Reifen aufgezogen und Schaltung eingestellt. Wenn sich also bei der Abfahrt nach Andorra meine vordere Bremsscheibe verabschiedet, war’s wohl nicht der Mechaniker aus dem Radladen, der den hiesigen Greifvögeln zur nächsten Mahlzeit und Schlagzeile verholfen hat.

Soweit die Argumentationslinie. Nichtsdestotrotz will ich so komfortabel (überhaupt machbar?) und stress- und unfallfrei als möglich am Atlantik ankommen. Körper und Geist als limitierende Faktoren sollen genug sein. Um eben diese beiden bei Laune zu halten, ist eines von wesentlicher Bedeutung: der Komfort auf dem Rad.

Tuning Tipps

Die versprochenen Tuning-Tipps widmen sich in diesem Sinne vorrangig der Verbesserung der Ergonomie. Gesäß und Hände, also die Kontaktpunkte zwischen Mensch und Maschine, sind hier im Fokus. Schließlich sollen schmerzbedingte Grimassen nicht etwaige Weggefährten verschrecken und auch nach einigen Stunden im Sattel noch die Freude am Strampeln in wunderbarer Umgebung im Vordergrund stehen. Das Bikehandling kann mit kleinen Veränderungen ebenfalls bedeutend verbessert werden. Um aus meinem Hausbock eine spitzen Pyrenäen-Bergziege zu machen werde ich mir die folgenden Tuning-Tipps zu Herzen nehmen:

  • Sattel

    Das Kriterium für einen komfortablen Sattel: die richtige Breite. Was ist die richtige Breite? Der Sitzbeinabstand gibt Auskunft. Der Fachhändler misst nach. Oder sich einfach auf ein Stück Wellenpappe setzen und den Abstand der Eindellungen messen. Anhand des Sitzbeinabstandes kann der passende Sattel gewählt werden, damit die optimale Auflagefläche und in Folge angenehme Druckverteilung gesichert ist.
    Am Rennrad bin ich begeisterter Brooks-Fahrer. Am MTB momentan mit einem Fabrikat von Fizik unterwegs und auch zufrieden. Jedoch will ich mal andere Exponate z.B. von SQ-Lab oder neue Fizik-Teile testen. Ich werde berichten.
    Annex zur Sattelstütze: Dünn komfortabler als dick.

  • Sitzposition – Lenker & Vorbau

    Hier gilt: Je breiter der Lenker und je kürzer der Vorbau , umso sicherer und einfacher fällt die Bike-Kontrolle aus. Lenker ab 660 Zentimeter Breite empfehlenswert. Streckbank oder Buckel-Biker? Beides nicht angenehm. Für ein Plus an Komfort und  Bike-Kontrolle, empfiehlt sich ein breiter Riserbar mit kurzem Vorbau für eine aufrechtere Sitzposition. Meine aktuell in Verwendung befindliche Flat-Bar wird vielleicht in Wien Urlaub machen.

  • Griffe

    Die Griffe sind, nebs Sattel und Pedal, weitere Berührungspunkte mit dem Bike. Die Faustregel: Die Teile sollen zur Hand passen. Diverse Hersteller bieten ergonomische Griffe für unterschiedliche Handtypen. Meine extra bestellten Marin Griffe sind zwar schön und zweckmäßig, aber für längere Touren im wahrsten Sinn des Wortes ein Fehlgriff.
    Hinweis: Nach Möglichkeit Schraubgriffe kaufen. Die Alternative heißt Ärgerniss.
    Hinweis Nr 2: Bei Umrüstung prüfen, ob die Leitungen und Züge lang genug sind.

mtb_reifen

  • Reifen

    Reifen sind hauptverantwortlich für den Komfort am Hardtail. Auch hier geht’s um Breite: Ein breiter Reifen steigert Komfort und Grip, verringert  Rollwiderstand und Pannenrisiko im Gelände. Breite Pneus erlauben mit weniger Luftdruck zu fahren und das schlägt sich ganz enorm im Komfort nieder. „Der Reifen (Dimension: 2,25″/Luftdruck: 2 bar) macht 66 Prozent, die Kombination aus Rahmen und Stütze 31 Prozent und die Felge verschwindend geringe drei Prozent des gesamten Federwegs aus.“ (Bike 12/07)Wie wirkt sich die Reifenbreite aus? Hier die Ergebnisse eines Tests: „Während es auf der Straße keinen eindeutigen Unterschied zwischen einem breiten oder einem schmalen Reifen gibt, rollen im Gelände breite Reifen nachweislich leichter! Je rauer der Untergrund, umso größer der Vorteil, wie die Messungen auf der Wiese belegen. Betrachtet man die Reifenaufstandsflächen zweier unterschiedlich breiter Reifen, so erkennt man, dass diese Flächen zwar gleich groß sind, jedoch eine andere Form aufweisen. Die des breiteren Reifens ist breiter und kürzer, wodurch sich auch der „bremsende“ Hebelarm verkürzt, über den der Reifen abrollen muss. Zusätzlich besitzen breitere Reifen auch einen größeren Durchmesser, der ein besseres Abrollen ermöglicht.“Interessant! Noch spannender wird’s aber in Sachen Luftdruck: „Auf der Straße hilft viel bekanntlich viel, wie man bereits seit vielen Jahren aus dem Rennradsport weiß. Ein prall aufgepumpter Reifen sorgt für ordentlichen Vortrieb. Auch viele Mountainbiker fahren bis heute wacker nach dieser Regel, übernehmen sie quasi widerspruchslos ins Gelände. Doch weit gefehlt! Sobald es ins Gelände geht, bleibt der Rollwiderstand mit weniger Luftdruck nicht gleich, wie hin und wieder vermutet wird, sondern er sinkt sogar! Und das bereits auf guten, feinkörnigen Schotterwegen. Je rauer der Untergrund, umso größer ist der Effekt, wie der Untergrund Wiese zeigt. Hier lassen sich im Schnitt ca. 20 Watt(!) einsparen, wenn der Luftdruck von 4,0 auf 1,5 bar abgesenkt wird. Die Hauptbegründung hierfür liegt in der rauen Beschaffenheit des Untergrundes. An jeder Bodenunebenheit wird ein Teil der in Fahrtrichtung wirkenden Antriebsleistung benötigt, um den Fahrer samt Rad anzuheben. Dies ist mit dem Befahren einer kleinen Steigung vergleichbar, die entsprechend Hubarbeit abverlangt. Ein Reifen mit geringem Luftdruck kann sich Unebenheiten besser anpassen, das Gesamtsystem muss weniger stark und häufig angehoben werden. Der Widerstand sinkt, die Arbeit wird kleiner.“Fazit Reifen: Breit und mit wenig Luft. Für mehr Komfort UND Effizienz.
    Ich habe mit Conti X-King in 2,2 und und unter 2 Bar Luftdruck beste Erfahrungen gemacht. Werde auch für die Pyrenäen-Tour bei diesem Setting bleiben, jedoch vielleicht die (viel) teurere Version mit besserer Pannensicherheit – Schiebeprävention – kaufen. Oder mal den Bergkönig II testen.

Diese Tuning Tipps für die Pyrenäen-Tour mit dem geschätzten Hardtail beruhigen das werbungshörige Gewissen. Die Ersparnisse in Sicherheit, derweil. Endgültig ist vorallem eines entscheidend für die erfolgreiche und spaßige Durchquerung etwaiger Gebirgszüge und damit ist nicht das Material gemeint, sondern der darauf Sitzende. Fahrtechnik, Navigation und Erfahrung sind hilfreicher als Federgabel, Dämpfer und Carbon-Chassis. Und natürlich dreht sich gar nichts ohne die entsprechende körperliche Verfassung. Gestrampelt werden muss immer noch selber und dafür braucht’s bei mir sicherlich auch noch ein Feintuning. State-of-the-art Beine, bitte.

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