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„Warum fahrt ihr in den Kosovo?“ – Reise ins jüngste Land Europas

15.30, C4, Aroma, Südtirolerplatz, so steht es in Hasims Kurznachricht. C4, eine Station auf dem Wiener Hauptbahnhof. Aroma, die Busline. 15.30 Uhr, Abfahrtszeit. Zwei Plätze reserviert auf Stefan und Martin, Nachname obsolet, meinte unser Freund. Das Ziel: Prishtinë, Kosovo.

„Ihr könnt euch schon reinsetzen. Zahlen nachher im Bus.“ Mein Bruder und ich sind die einzigen hier, die das Prozedere nicht kennen. Was wir wissen ist, dass die Busfahrt mehr als 12 Stunden dauern, durch Ungarn und Serbien führen und im Kosovo enden wird. Was bereits nach den ersten Minuten klar ist: Es sitzen nur zwei Passagiere im Bus, die keine familiäre Verbindung in den Quasi-Staat im Süden Serbiens haben. Für alle anderen Mitfahrer geht es in die Heimat, zur Familie oder zu Freunden. „Hin- und zurück? Das kostet 100 Euro“, helfen die Sitznachbarn beim Ticketkauf.
Der Bus ist voll, die Sitzreihen eng. Albanischer Terrorpop plärrt aus den Lautsprechern über unseren Köpfen. Bei der Auffahrt auf die Autobahn sammelt der zweite Busfahrer die Reisepässe ein. Die Dokumente zeigen, unsere Mitreisenden sind mehrheitlich Österreicher. Das war mir eigentlich klar, weil aber niemand Deutsch spricht, irritiert das dennoch. Dann der erste Kurzstopp in Ungarn. Der weißhaarige Alte aus der Reihe vor uns springt aus dem Bus, wirft seine Weste hinter dem Gebüsch in die Wiese und sich gleich darauf. Gebet zwischendurch. Ich bin sicher, der Mann erbittet, das Geplärre im Bus möge endlich ein Ende haben. Kabelbrand oder Kurzschluss, Allah schau runter. Erst Stunden später, als es dunkel wird jenseits der Scheiben, zeigen die Reiseleiter menschliche Regungen, haben Einsicht und schalten ab.

In der Dunkelheit, unter der neongrünen Deckenbeleuchtung, werden wir Zeuge eines fliegenden Wechsels hinter dem Steuer. Gerade noch am ausklappbaren Beifahrersitz geschlafen, springt Busfahrer Zwei einfach während der Fahrt hinters Steuer und an die Pedale. Nummer Eins wird zum Schläfer. Angehalten wird bei Aroma Reisen nur für Rauchpausen. Und für die obligatorische WC-Pause nach dem picksüßen Plastikbecherkaffee, der im Bus serviert wird. Wieder wird mir klar: Busfahrer sehen überall auf der Welt gleich aus. Sie alle tragen blaue Hemden, Bauchspeck und Halbglatze. Als würden die Haare abspringen, sobald sie sich die dunkle Sonnenbrille – ein weiteres Erkennungsmerkmal der Zunft – aufsetzen und professionell Menschengruppen umher karren.

Bei Aroma Reisen betritt der Busbeifahrer mit Stil sein Arbeitsgerät immer erst dann, wenn der Bus bereits losgerollt ist. Für den effektvollen Auftritt wird Aufgesprungen. Und nötigenfalls abgesprungen – etwa um die ungarische Autobahnvignette zu kaufen, während der Bus reversiert und langsam wieder in Richtung Autobahn rollt.
Generell gilt: die Passagiere bestimmen, wo der Bus hält, es gibt keine fixen Haltestellen. Stopps werden nach Mehrheitsbeschluss festgelegt, Ankunftsort variabel.
Egal ob Harndranghalt oder Rauchpause, die Frauen bleiben stets im klimatisierten Bus sitzen oder steigen nach dem Toilettenbesuch sofort wieder ein. Die älteren Männer sprechen kein Wort mit ihren Sitznachbarinnen. Ehefrau fürs Leben zwar, aber eher keine Gesprächspartnerin für die Heimreisebuszeit. 14 Stunden und keine Silbe zwischen dem Paar hinter uns. Unheimlich.

„Warum fahrt ihr in den Kosovo?“ Meti sitzt im Bus in der ersten Reihe und kennt alle Mitreisenden, bis auf zwei. Der Mittdreißiger misst kompakte 1,70 und lebt in Wien. Im Bus hilft er beim Kaffee und kümmert sich um den reibungslosen Ablauf beim Grenzübergang. „Ich fahre seit 20 Jahren mit diesem Bus runter. Meistens zweimal im Jahr. Ihr bleibt nur drei Tage? Das ist wenig. Vor allem bei dem Nachtleben in Prishtinë. Die Weiber, da weiß man nie wie lange man unterwegs ist“, grinst er wissend. Wie lange es noch dauert bis wir endlich da sind? „Kommt darauf an, die Serben schikanieren uns Albaner an der Grenze. Ohne schmieren geht da nichts. Aber für das Busunternehmen ist es trotzdem ein gutes Geschäft, abzüglich des Schmiergeldes bleibt ihnen alles – und das ist gar nicht wenig.“


„Warum fahrt ihr in den Kosovo?“


 

Stundenlang rumpeln wir mit dem Bus durch finstere, serbische Dörfer. Stets auf dem falschen Fahrstreifen, dort sind weniger Schlaglöcher. Im Dämmerschlaf sehe ich Autos in wahnsinniger Geschwindigkeit an uns vorbei schießen. Dann endlich die Grenze, die keine und doch eine ist. Der kosovarische Grenzbeamte zeigt, für seine Berufsgruppe ungewöhnlich, menschliche Regungen. Es scheint beinahe so, als würde dem Mann sein Job Spaß machen. Lächelnd schreitet der Wärter des jungen Landes durch den Bus und kassiert Pässe und Personalausweise der Schlaftrunkenen. Während wir aus der winzigen und provisorisch wirkenden Grenzstation rollen, beginnt es zu dämmern. Meti frägt nach der Nummer unseres Kontaktmannes, ruft an und vereinbart ohne unser Zutun einen neuen Treffpunkt. Irgendwo außerhalb, damit der Bus keinen Umweg hinein nach Prishtinë machen muss. Die Busgemeinschaft hatte kurzfristig (für uns) beschlossen, nicht durch die Hauptstadt zu fahren. „Und beim Heimfahren am Sonntag, wäre es auch super, wenn wir euch gleich aus Prizren mitnehmen könnten. Passt, oder?“

Kaffee und Geschichte am Amselfeld

Scheu zeigt sich uns der Kosovo in stillem Morgengraugrün. Eine Ebene, unbewaldet. Häuser vereinzelt. Die Weite am Horizont begrenzt durch Berge, einige schneebedeckt. Vorbei an kleinen, zersiedelten Ortschaften nähern wir uns der Hauptstadt Prishtinë.
Der Bus hält schließlich bei einer riesigen Tankstelle direkt an der Landstraße. Unser Mann ist bereits da. Er lehnt an einem alten, weißen Kombi. Freundlich streckt uns Sali seine Hand entgegen und heißt uns willkommen in seinem Kosovo. Sein Freund Hasim hatte ihn gebeten, uns, zwei Wildfremde, um sechs Uhr abzuholen und zum Hotel zu bringen. Hasim lies da nicht mit sich reden. Genauso wenig Mitspracherecht hatten wir bei der Auswahl der Unterkunft. „Jetzt hat das Hotel noch nicht offen, trinken wir erst mal einen Kaffee.“ Bevor der erste Espresso serviert wird, bedanken wir uns mehrmals für den Abholservice. Sali lächelt und winkt ab. Er mache das gerne. Bevor er zur Arbeit geht, will er uns auch noch kurz die Stadt zeigen. Wir leisten keinen Widerstand mehr. Der heiße Kaffee weckt die müden Geister und nach zwei Sätzen beginnen wir über den Krieg zu sprechen.

Sali hat kurze Haare und wache Augen. Wenn er über Politik spricht, tut er das mit dem ganzen Herzen – und in gutem Deutsch. Wir wechseln dennoch immer wieder ins Englische. „The whole Balkan is shit, and Kosovo is just a piece of shit, you know.“ Sali erzählt uns seine Geschichte, die auch die Geschichte vieler seiner Freunde und Kollegen ist. „Für uns Albaner gab es damals keine Perspektive. Wir wurden aus der Schule und von der Uni geworfen, wurden gekündigt und konnten nirgendwo Arbeit finden. Als Schüler haben mich serbische Polizisten schikaniert. Wenn ich einmal Geld hatte, haben sie es mir einfach weggenommen. Zwei Polizisten haben mich einmal gezwungen ein Schulübungsblatt aufzuessen.“ Pause, ein Schluck Cappuccino. „Es ist immer schlimmer geworden und dann war plötzlich Krieg und ich musste mit meiner kranken Mutter zwei Tage durch hüfthohen Schnee über die Berge nach Mazedonien flüchten. Erst habe ich meine Mutter gestützt, dann getragen, schließlich geschleppt.“ Sali nippt abermals an seinem Kaffee. Ich schlucke. „Ich hatte keine Kraft mehr, aber ich konnte meine Mutter doch nicht im Schnee erfrieren lassen. Ich habe mir gewünscht, einfach auf eine Mine zu treten, damit alles vorbei ist. In der Nacht haben uns dann Wölfe umkreist. Ich hatte bereits mit meinem Leben abgeschlossen. Aber irgendwie haben wir es geschafft. Irgendwie.“ Diese Offenheit verschlägt mir die Sprache. Nur Nicken geht. „Nach den Kämpfen sind wir, genauso wie alle anderen, so rasch wie möglich zurück in die Heimat. Wir hätten warten können, sind aber gleich wieder zurück. Verrückte Albaner!“

Heute arbeitet Sali als IT-Mann im öffentlichen Dienst. Er sitzt im 12. Stock eines neuen Büroturms im Zentrum Prishtinës. Davor hat er für deutsche KFOR-Truppen den Fahrer gemacht und als Übersetzer gearbeitet. Während viele Landsleute ins Ausland gegangen sind, ist er geblieben. „Alles dreht sich hier um Religion und Herkunft. Es wird dauern, bis die Menschen vergessen haben. Ich hoffe auf die jüngere Generation“, erzählt uns Sali im Tankstellen-Café am geschichtsträchtigen Amselfeld. Mehrmals wird er von Bekannten unterbrochen, die ihn herzlich grüßen, bevor sie die Tankstelle mit einem Heißgetränk wieder verlassen. „You know Rugova? Rugova is my hero, meine Inspiration. Like Mahadma, he chose the peaceful path.” Wie sieht es mit der aktuellen Regierung aus? Sali schüttelt den Kopf. „Kommt, fahren wir ins Zentrum!“

Angekommen in Prishtinë

Europa ist zusammengewachsen. Zu mindestens die Autokennzeichen in Kosovos Hauptstadt deuten darauf hin. Neben österreichischen und deutschen Kennzeichen fahren zahlreiche schweizerische Plaketten durch die Stadt. „Wisst ihr, bei uns gibt es zwei Dinge im Überfluss“, lacht Sali während wir an Taxiständen vorbei Richtung Zentrum schlendern. „Tankstellen und Banken.“ An Bargeld zu kommen ist tatsächlich keine große Herausforderung. Gefühlt alle 100 Meter eine Bankfiliale oder ein Geldautomat. Die hohe Bankendichte wird nur übertroffen von der lächerlichen Anzahl an Tankstellen. Selbst entlang schmaler Bundesstraßen und in kleinen Ortschaften reihen sich Auftankgelegenheiten aneinander. Meist sind diese die modernsten Gebäude in der Umgebung. Oasengleich. Autos halten dennoch kaum an den Zapfsäulen. Wer will, kann über Geldwäsche mutmaßen.

Mehr als 200.000 Menschen leben heute in Salis Heimatstadt. Prishtinë beherbergt die Hauptquartiere der OSZE-Mission im Kosovo mit dem klingenden Namen UNMIK und der EU-Mission EULEX. Dazu eine US-Militärbasis und eine amerikanische Botschaft. „Wir sind froh, dass die Amerikaner da sind. Im Kosovo steht die zweitgrößte US-Militärbasis in Europa“, schildert Sali. „Die USA garantieren unsere Sicherheit, genauso wie die EU. Gut, dass sie jetzt eine neue Botschaft bauen. Das heißt, sie bleiben auch in Zukunft im Land.“


„Gut, dass die Amerikaner jetzt eine neue Botschaft bauen. Das heißt, sie bleiben auch in Zukunft im Land.“


 

Das Zentrum Prishtinës wird geprägt durch eine breite Fußgängerzone. Restaurants, Cafés und Läden internationaler Ketten. Frühmorgens sind wir alleine auf der Flaniermeile. Sali erzählt noch immer, wir hören zu, vom Grand Hotel mit Jugoslawien-Flair bis zum zentralen Platz. Dort sitzt Fürst Skanderberg, Held der Albaner und Schreck der Osmanen, überlebensgroß und aus Bronze auf seinem Ross und trägt die rote albanische Flagge als Latz um den Hals. Dem Fürst vis-à-vis weilt Salis Held aus jüngster Vergangenheit. Hier steht er, der Ghandi des Balkans. Nichts Martialisches hat die Statue an sich. Fast verlegen steht Rugova, der Schriftsteller und Staatsmann da, am Unabhängigkeitsplatz, gleich neben dem neuen Benetton Store. Eines hat der metallene Rugova mit seinem Kollegen gegenüber gemein: den Schal. Zu Lebenszeit trug der Kettenraucher stets Halstuch. „Es hat geheißen, er nimmt den Schal erst ab, wenn der Kosovo frei ist“, erzählt uns unser Stadtführer. Der Lungenkrebs kam der Unabhängigkeitserklärung 2008 zuvor. Auch die Statue wird den Schal wohl noch länger tragen.

Auf dem Weg zum Hotel gehen wir am altjugoslawischen Monument für Brüderlichkeit und Einheit vorbei. Die hässliche Betonskulptur verfällt, bröckelt vor sich hin. „Dieses Denkmal hat für uns keine Bedeutung. Die sollen das Ding endlich abreißen.“ Sali will nicht zurückdenken, identifiziert sich nicht mit dem verordneten Miteinander, das er so nie kennengelernt hat. Beim Pllaza Hotel angekommen bedanken wir uns nochmals überschwänglich. „Wenn ihr irgendetwas braucht, ihr habt meine Nummer.“

Unser Hotel hat ein zusätzliches „l“, dafür einen recht eingeschränkten Blick aus dem Zimmerfenster. Sichtweite exakt zehn Zentimeter, bis zur Ziegelwand des Nachbarhauses. Frischluft- und Tageslichtandeutung, immerhin. Hotelmanager Edi, immer freundlich und ehrlich bemüht, begrüßt hier nicht oft ausländische Gäste, erfahre ich tags darauf beim Frühstück. „You know, the people are just curious to see what this place is like. Wenn mich die Leute fragen, was sie sich unbedingt anschauen müssen, weiß ich nie, was ich ihnen sagen soll. Wir haben hier nichts Besonderes in Prishtinë.“
Edi arbeitet seit zwei Jahren im Pllaza. „11 bis 11. Alles für meine Töchter. Sobald man Kinder hat, schaut man nicht mehr auf sich, die Kinder haben Priorität. Wenn ich mit meinen zwei Kleinen einkaufen gehe, bekommen sie alles. Ich kann nicht nein sagen.“ Edi hat Cousins in Wien, die oft erzählen, wie teuer dort alles ist. Trotzdem liegt Wehmut in Edis Stimme. Wird er sich dazu durchringen Prishtinë ebenfalls zu verlassen? Oder will er seine Töchter in der Heimat aufwachsen sehen?


„Wir haben hier nichts besonderes in Prishtinë.“


 

Prishtinë ist die Stadt der langen Hälse. Alle paar Meter streckt hier ein Grillhäuschen, genannt Qebaptore, seinen Blechhals in den Himmel. Der Grillrost, meist mit faschierten Köstlichkeiten und grünem Paprika belegt, wächst in den Gehsteig und führt Passanten in Versuchung. Das Gegrillte ist überall gut, ebenso der Kaffee. Dennoch sitzen die Einheimischen oft vor einer leeren Tasse. Bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 150 Euro wird der Cappuccino zum Luxus. Jeder Dritte hat weniger als zwei Euro pro Tag zum Leben, zum Überleben eigentlich. Die Ärmsten, meist Roma, haben noch weniger. Der junge Staat kümmert sich nicht um seine Bürger. Ohne die Überweisungen der Verwandten in Deutschland, Österreich oder der Schweiz würden die Mahlwerke der Espressomaschinen im Kosovo stillstehen. Sicherlich jedoch würden nicht allerorts Rohbauten gedeihen.

Lieber neu

Ja, in Prishtinë wird gebaut. Überall. An den Hängen, die die Stadt umgeben, beim alten Bahnhof. An jeder Ecke wachsen Betonskelette in den Himmel. Nur Knochen, kein Fleisch, stehen sie da. Wer soll hier wohnen? Wer kann sich die Wohnung mit Blick auf das hiesige Fußballstadion leisten? Unweit unseres Hotels das Epizentrum des Bauwahns: hier entsteht ein 300.000 m2 Ungetüm, bestehend aus fünf Gebäuden. Geschäftsflächen, Büros, Shopping Center, 5-Stern-Hotel, Luxus-Wohnungen. Sechs Jahre soll hier gebaut werden. Ein Mitfahrer im aromatischsten aller Busse erklärt uns auf der Rückfahrt: „Die vielen Neubauten? Logisch, im Kosovo bauen wir lieber neu, anstatt zu renovieren.“

Im Osten grenzt die Riesenbaustelle an den Bill Clinton Boulevard. Zum Straßennamen gehört auch ein Denkmal. Gönnerhaft winkt der Präsident den Passanten zu. Die Fußgängerzone, auf die der gute Bill blödfreundlich herabblickt, verwittert derweil. Das können auch Hilfsgelder aus den Vereinigten Staaten nicht verhindern. Niemand schenkt dem vormals mächtigsten Mann der Welt hier Beachtung. Keine Touristengruppe blitzt ihm ins Gesicht, keine Ehrentafel erklärt warum alle Bürger des jungen Landes dankbar sein müssten. Ich habe schließlich Mitleid mit Bill und drücke den Auslöser. Skurrilität allemal.

Beim Kaffee in einem modernen Coffeeshop und zwischen Markenkleidung und Smartphones kann ich endlich festmachen, was ich in Prishtinë anders wahrgenommen hatte, als in meiner Heimatstadt Wien: die Menschen leben hier mehr mit- als nebeneinander. Man redet mehr miteinander, Handschläge hier und dort, man hupt sich zu, man teilt. Ist man durch den Krieg enger zusammengewachsen?
So oder so, das einträchtige Miteinander endet bei bettelnden Roma. Mitten auf der Fußgängerzone wirft sich eine Frau den Vorbeischlendernden vor die Füße. Ihr Kind hockt fünf Meter weiter als letzter Mitleidstrumpf auf einer Decke. Allein gelassen, um seinen Beitrag zu leisten, zum Familieneinkommen. Routiniert sitzt das zweijährige Mädchen da, blickt immer wieder suchend zu seiner Mutter. Wütend gehe ich vorbei. Urteile still über die Herzlosigkeit der Frau. Nur um mich Augenblicke später dafür zu schämen. An diesem Abend beschließe ich, jedem Menschen Geld zu geben, der mich bittet. Urteilsbefreit. Transaktion und fertig. Von Haben zu Nichthaben.


„Wos host du da wieder gmocht?“


 

Wenn im Sommer die Luft bei über 40 Grad in der Betonstadt flimmert, flüchten die Menschen in den Gërmia-Park im Nordosten der Stadt. Auch wir genießen dort die kühle Prise und das satte Frischgrün des Waldes. Der Park wird, wie so Vieles, mit EU-Geldern in Schuss gehalten. Hier wird gegrillt, geschaukelt, geschlendert und mit ausrangierten Leih-Mountainbikes rumgekurvt. Mittendrin kaufen wir Flaschenwasser und kommen mit dem Verkäufer ins Gespräch. „Ah, Österreicher! Wos host do wieder gmocht?“, demonstriert der Mann sogleich den einst gewohnten Wiener Zungenschlag und lacht. Freudige Erinnerungen blitzen in den Augen des Alten auf. Hier im Park verkauft er Spritzpistolen, Windräder und Wasser. „Bis 1975 war ich in Österreich. Die Disko auf der Mariahilferstraße, gibt es die noch?“ Der Mann war Gastarbeiter der ersten Stunde. Auch nach 40 Jahren spricht er fließend Deutsch, fast ohne Akzent. Damals hatten Arbeiter aus dem Osten wohl mehr Kontakt zu den österreichischen Kollegen und Mitbürgern. Mehr Austausch, keine schlechten Erfahrungen, keine Bitterkeit. Nur echte Freude, wenn man an diese Zeit erinnert wird. Die Kollegen aus dem Ausland waren gern gesehen. Heute haben wir Angst um unsere Arbeitsplätze, eh nichts gegen Ausländer, kennen auch fleißige Türken, wählen rechte Idioten und lassen die Menschen im Mittelmeer ersaufen. Feines Österreich, feines Europa. „Österreich ist ein super Land“, ruft uns der alte Wassermann noch lachend nach. Für viele stimmt das.

Nach Mitrovicë und Prizren

Am folgenden Tag wollen wir raus aus Prishtinë, rauf in den Norden. Mit Hilfe von Passanten schaffen wir es schließlich den Busbahnhof zu finden. Gezahlt wird wieder während der Fahrt. Auch hier wird zugesprungen und Haltestellen nach Bedarf eingebaut. Setra-Busse mit den verblichenen Namen und Adressen von Firmen aus Deutschland und Österreich. Transport Huber aus Neustift fährt hier die letzten Kilometer. Außerhalb Prishtinës, in den kleinen, zersiedelten Dörfern entlang der Bundesstraße, dünnt der magere Wohlstand weiter aus, verblasst der Glanz der Großstadt. Baufällige oder verlassene Häuser, Rohbauruinen überall. Das Geld reicht immer nur für die nächsten paar Ziegel, Dachschindeln oder Fenster. In den Gärten stehen glotzende Kühe, Hühner picken zwischen Obstbäumen und Gemüsebeeten. Am Straßenrad sitzt ein alter Mann in einem ausgebauten Autositz und beobachtet die vorbeifahrenden Autos. Bewegung findet hier nur auf der Straße statt, sonst herrscht resignierende Ruhe. Wir fahren weder an kleinen Werken, noch an großen Industrieanlagen vorbei. Einzige Ausnahme: das monströse Braunkohlekraftwerk unweit der Stadtgrenze Prishtinës. Sonst nur Tankstellen, Autofelgen-Shops, Grabsteinmetze.

Unser Ziel: Mitrovicë. Die 100.000-Einwohner-Stadt wird durch den Fluss Ibar in einen nördlichen, serbischen und in einen südlichen, albanischen Teil entzweit. Im März 2004 wollen hier 3000 Kosovo-Albaner die Brücke über den Fluss überqueren. Kein Radwandertag, kein Festtagsumzug sondern ein kosovo-albanischer Mob, der die UN-Checkpoints auf der Brücke durchbricht. Serbische Kräfte stellen sich der Menge entgegen. An beiden Ufern wurden Erinnerungen hervorgeholt, Vergeltungsgedanken und Selbstverteidigungsreflexe. 200 Menschen wurden verletzt, verkrustete Erinnerungswunden aufgerissen. Als wäre nichts gewesen, sitzen heute an beiden Flussufern Menschen und trinken in der Nachmittagssonne Macchiato – und wir mitten drin. Noch immer bewachen Panzerfahrzeug und Sturmgewehrtruppen die Brücke. Auf der anderen Seite weht stolz die serbische Fahne. Unübersehbar, herausfordernd. Rot-blau-weiß weht sie als Zeichen dafür, dass die Serben diese Stadt nicht verlassen werden. Eine eigenartige Stimmung umgibt Mitrovicë. Ich kann nicht begreifen wie es sein muss, sein Gewehr aus dem Schrank zu holen oder die alte Armeepistole im Keller zu suchen, um damit auf die Straße zu gehen, entschlossen die Nachbarn über den Haufen zu schießen.

Tags darauf, 100 Kilometer südlich, in Prizren, ist die Atmosphäre spürbar leichter. Ferienstimmung statt Pogromerinnerung. Im Gegensatz zu Prishtinë und Mitrovicë kommen gar Touristen in die zweitgrößte Stadt des Landes. Die engen Straßen um die Ansichtskartenmotive – kleine Brücke, große Mosche – sind voller Menschen. Die Sinan-Pascha Moschee, die größte des Landes, wird mit türkischen Geldern in Schuss gehalten und ist das Zentrum des Trubels. Mazedonien und Albanien gleich hinter den Bergen, nicht mehr weit.
An unserem letzten Tag im Kosovo sitzen wir stundenlang am Fluss, beobachten schweigend das Geschehen und trinken – richtig -Espresso. Die Eindrücke der vergangenen Tage zeigen Wirkung. Das Hirn muss die Reize erst verarbeiten. Die Herzlichkeit und Offenheit der Kosovaren war entwaffnend, Schatten der Vergangenheit greifbar, die Armut schimmerte stets gleich unter der Oberfläche. Nach reichlich Gegrilltem schlendern wir schließlich am späten Abend zurück ins Hotel, um noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Der Muezzin singt ein Lied zum Abschied. Im Hotel übernimmt der 14-jährige Sohn des Chefs die Nachtschicht und ruft uns um vier Uhr morgens ein Taxi zum Busbahnhof, zur Aroma Station.

Mit Agni ins Zentrum Europas

Am Busbahnhof gleich ein bekanntes Gesicht. Mit Agni, ein Freund Metis, hatten wir bereits bei der Anreise, ein paar Worte gewechselt. In der Morgendämmerung lacht er uns jetzt schelmisch entgegen. Auch heute trägt der 30-jährige ein elegantes Hemd, Silberuhr und Herrenhandtasche. Die Frisur sitzt. Und auch heute ist Agni gesprächig. „Vor einem Monat ist meine Tochter auf die Welt gekommen. Jetzt bin ich zweifacher Papa“, erzählt er stolz. „Du musst auch Kinder machen. Euer Land stirbt. Jeder muss mindestens zwei Kinder haben.“ Erfolglos versuche ich nicht zuzustimmen. Ja, irgendwann will ich eh auch welche. Agni nimmt meine Replik zur Kenntnis und erzählt mir seine Lebensgeschichte. Sein älterer Bruder lebt heute in Frankfurt, die Eltern nach wie vor in Prizren. „Wir hätten hier das Geschäft vom Vater übernehmen können. Aber wir wollten beide nicht. Jetzt bin ich seit fünf Jahren in Österreich, drei Jahre in Wien und zwei in Linz.“ Ohne Ausbildung hat Agni in Wien als Security gearbeitet, die Karatevergangenheit hat da nicht geschadet. Nach dem Umzug nach Oberösterreich hat er auf dem Bau angeheuert. „Aber Türsteher ist mein Herz-Job“, deutet Agni auf seine schiefe Nase. „Jetzt arbeite ich als Baggerfahrer. Im Sommer manchmal 14 bis 15 Stunden. Mein Rücken tut weh vom Sitzen. So ein Bagger ist kein Spielzeug, ein kleiner Fehler und der Kollege in der Grube ist tot.“

Für Leute, die nach Österreich kommen und nicht arbeiten hat Agni kein Verständnis: „Alle raus, da hätte ich kein Problem.“ Asylwerber dürfen aber nicht arbeiten, Agni. Er bleibt hart. „Warum in diese Menschen investieren? Die müssen sich vorher überlegen was sie hier machen.“ Ich wundere mich über diese Ignoranz. Wo doch tausende Kosovaren jeden Monat ihre Heimat Richtung EU verlassen. Familien mit Kindern, Junge und Alte marschierten in jüngster Vergangenheit über die grüne Grenze von Serbien nach Ungarn. Menschen, die für sich und ihre Familie ein besseres Leben suchen, die daheim einfach nicht mehr über die Runden kommen, nicht wissen, wie sie ihren Kindern genug Essen auf den Tisch stellen können.
Während wir warten kommt ein junger Grenzbeamter entschlossenen Schrittes auf uns zu. „Der kommt nur weil er Geld braucht. Du wirst sehen, jetzt schaut er sich kurz das Gepäck an, dann geht er mit dem Fahrer hinter den Bus.“ Agnis Vorhersage sollte sich bewahrheiten und der Grenzbeamte kann nach der Scheinkontrolle nun vielleicht endlich die Miete bezahlen oder neue Schuhe für seine Kinder kaufen.

Tatsächlich werden Busse mit kosovarischen Kennzeichen an Serbiens Grenzen besonders kontrolliert. „Alle Menschen in Europa dürfen sich frei bewegen, nur wir nicht. Manchmal müssen wir alle Koffer ausräumen. Dann stehen wir Stunden beim Grenzübergang.“ Das Hinterbustreffen hat uns diesmal die Abladeaktion erspart. Unter der stechenden Nachmittagssonne erzählt Agni von der Diskriminierung, der Albaner ausgeliefert waren und sind. Ein paar Tage vor unserem Kosovobesuch gab es Unruhen in Mazedonien. „Auch dort sind Albaner nur Bürger zweiter Klasse. Ach was, eigentlich 10. Klasse.“ Agnis bitteres Resümee bevor wir nach der Passkontrolle wieder in den Bus steigen: „Politik ist einfach Scheiße!“


„Auch in Mazedonien sind Albaner nur Bürger zweiter Klasse. Ach was, eigentlich 10. Klasse.“


 

14 Stunden davor, um 4 Uhr morgens, hatte uns Agni aus Linz in der Qebaptore am menschenleeren Busbahnhof in Prizren ein Kebab mit fünf Stück Hackfleischbällchen spendiert. Für die Heimreise. Wer weiß, wie lang die Fahrt diesmal dauern wird, hat er gemeint. Agni geht auf Nummer sicher und verlässt sich lieber auf den Proviant aus der Heimat. Schließlich gilt es einige Grenzen zu überwinden, bis wir im Zentrum Europas angekommen sind. Niemand weiß, ob alles reibungslos funktionieren wird. Das gilt für unsere Heimfahrt im Reisebus, genauso wie für die Zukunft des jungen Kosovo.

 

pristhine walk

Prishtine Building

Skanderbeg Prishtine

Clinton Pristhine

Mitrovice Bridge

Prizren View

 

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