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Schlemmerreise

„Der Ortolan, ein etwa sperlinggroßer Singvogel wird gefangen und im Dunkeln oder nach Entfernen seiner Augen etwa 14 Tage lang gemästet. Die Dunkelheit verwirrt den Tag- und Nachtrhythmus des Vogels, so dass er ständig frisst. Er erreicht dann etwa das Dreifache seines ursprünglichen Gewichts. Er wird in Armagnac ertränkt und in einem speziellen kleinen Topf in Fett gegart.
Zum Essen wird der Vogel komplett in den Mund genommen und zerkaut. Dabei stülpt sich der Esser eine Serviette über den Kopf. Zum einen soll die Serviette den Duft nah an Mund und Nase halten, zum anderen gilt es als manierlicher, Tischnachbarn nicht mit dem Anblick und den entstehenden Geräuschen zu belästigen.
Ortolane galten bereits in der Antike als Delikatesse. Da der Bestand an Ortolanen stark zurückgegangen ist und der Vogel unter
Artenschutz steht, ist der Fang und Verzehr in Europa heute verboten. In Frankreich ist der Verzehr in wohlhabenden Kreisen dennoch verbreitet.“ (wikipedia)

Nach diesen Zeilen ist klar: 1. Wenn du als kleine Ammer nicht schnell genug das Weite suchst, endest du als Fettammer unter der Serviette. 2. Franzosen sind erfinderisch, wenn’s ums Essen geht. DIE Weltküche zwar, aber hier eindeutig um mehrere Zu- bzw. Vorbereitungsschritte zu singvolgelverachtend. 3. Herr M, seines Zeichens Entdecker dieser Abscheulichkeit, verbringt zu viel Zeit in den Untiefen des Internets. Und ja, eigentlich auch 4.: Ich nutze diese Kuriosität natürlich auch gleich ungeniert als Einstieg in einen Erlebnisbericht zum Thema Schlemmerei. Begab ich mich doch unlängst auf eine kulinarische Reise. Nicht im Web, sondern im 8. Bezirk. Wien Josefstadt. Menühopping, so das Vorhaben. Zufällig war uns der Flyer in die Hände gefallen. Definitiv in die richtigen Hände. Gleich reserviert und am vergangenen Donnerstag war es dann soweit.

ortolan
Start der Hüpferei: das Verde1080.
Kennt man vielleicht als JosefstädterIn, mir war es allerdings gänzlich neu.
Aperitiv und kleines Häppchen. Belgisches Weihnachtsbier und Kartoffelpuffer. Das Erdäpfelgericht, mit freischem Koriander verfeinert, mundete uns Junghüpfern. Ein kleiner, aber feiner Happen um die Mägen aufzuwärmen.
Das Belgische Weihnachtsbier, ein Genuss! Bernsteinfarben, kräftig aber nicht herb. Sehr rund und harmonisch. Und teuer, wie sich beim Kauf einer Flasche dieses edlen Tropfens, sogleich herausstellte. Wer für die Falsche (0,75L) vier Euronen löhnen will, kann dies gerne tun – für das besagte Gebräu muss er dann allerdings noch 10 Euro drauflegen.
Infos zum Verde: gut sortierter Feinkostladen, mit nettem Besitzer. Offensichtlich werden auch warme Mittagsmahlzeiten angeboten. Und, so der Geheimtipp des Küchenchefs, mittwochs und freitags gibt es Burger. Am Mittwoch experimentell und zum Wochenende ab 10 Uhr klassisch – Burgergelage deluxe. Frisch zubereitet, feinste Zutaten. Da werde ich mal vorbeischauen müssen.

Nach dem guten Start ging’s für mich und meine, ebenfalls mit geschultem Gaumen ausgestatteten Begleiterinnen, weiter ins Bernhauers. Der dreiminütige Spaziergang wurde genutzt um Eindrücke zu diskutieren und die Vorfreude auf das folgende Mahl zu kultivieren.

2. Station: Bernhauers. Ersteindruck: Überschaubares Lokal. Offene Küche (mag ich sehr). Klassisches Ambiente. Freundliches Personal.
2 aus 10 Gerichten zur Wahl für die Hopping-People. Plus Weinbegleitung. Ohne lang zu überlegen, entscheide ich mich für eine Pastinakencremesuppe mit Jakobsmuschel und Lamm auf Rotkraut. Beides 1A. Vor allem das Lamm mit Kraut war sehr dezent und gekonnt abgeschmeckt. Produkte im Vordergrund (mag ich auch). Handwerklich ohne Makel, d.h. Kraut noch mit Biss, Erdäpfelknödelchen fein und das gekochte Lamm super zart und mit grobem Salz verfeinert. Dazu ausgeprägter Rotwein und meine Seufzer provozierten verwunderte Blicke der Tischnachbarn.

Die Speisekammer – 3. Station des Abends – ist minimalistisch eingerichtet. Die Speisen vorzüglich. Ich ordere das Kaninchen, welches wunderbar schmeckt. Definitiv exotischer zubereitet, als im Bernhauers. Absolut stimmig, nichtsdestotrotz.  Die unbetuchten Eichenholztischplatten schaffen eine angenehme Atmosphäre.  Auch hier ausgesprochen nettes Personal. (Die Organisatoren dieses Food-Marathons, wie ich sherlockgleich aus Gesprächsfragmenten kombiniere. Ein Lob allein dafür!)

Bevor die größere Gruppe der anderen MithopperInnen fertig gespeist hat, versuchen wir einen Vorsprung herauszuholen und brechen auf, um im nächsten Lokal – dem Wiener Rösthaus – ganz ungestört zu sein.
Ich bin, wie gewogene LeserInnen wissen, ein Kaffee(haus)liebhaber und dementsprechend vorfreudig diese Station betreffend. Kurz: Guter Äthiopischer Kaffee. Einrichtung stimmig, aber ohne das gewisse Etwas. Mehr Shop als Café zum Verweilen. Schokocreme-Desert ordentlich. (Zubereitet von der Speisekammer. Dedektivleisung Nr. 2)

Zum Abschluss des Abends stand dann noch ein Cocktail in der Bar Albertgasse 39 am Programm. Nach der feinen Weinbegleitung und dem belgischen Bräu war mir nicht mehr nach Hochprozentigem. Und so griff ich – eigentlich Gin-Freund – zum Antialkoholischen. Kokos-Irgendwas-Drink. Milkshake ähnlich. Gut soweit. Summa Summarum: Unaufregende Bar mit – offenbar josefstadttypisch – freundlichen Kellnern (und kleinem Nichtraucherkobel).

Menühopping-Fazit: Super Idee. (Warum gibt’s das eigentlich nicht in anderen Bezirken?) Empfehlenswerte Restaurants und Lokale. V.a. Verde und Bernhauers sind große Entdeckungen. Natürlich hat das Hopping wieder einmal meine Träumerein bezüglich eines eigenen (Frühstücks-)Lokals befeuert.
62 Euro sind ein fairer Preis, bedenkt man x Gänge und vor allem deren Qualität sowie Weinbegleitung. Im Frühjahr (Jänner oder Februar) kann man angeblich wieder, von einem gedeckten Tisch zum anderen, durch den 8. hüpfen. Leckermäuler sollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Zur Beruhigung: Französisches Lokal wird auch dann keines dabei sein. Die Chance seinen geflügelten Snack unter einer Serviette vor neugierigen Blicken verbergen zu müssen damit auch enden wollend. Eine spannende Schlemmerreise muss nicht an jedem Fetttopf halt machen.

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Ein Kommentar

  1. angekommen.in angekommen.in

    Die wunderschöne Illustration des Singvogels stammt übrigens aus Wilhelm von Wrights Band Svenska fåglar. Nachgoogeln lohnt sich. Großartige Zeichnungen, nicht nur etwas für Ornithologen.

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