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Supermarkt am Dienstagmorgen

Bei den Kühlregalen, Abteilung Milchprodukte: „Am Land da is es ja anders, der einen bladen Kollegin aus der Ausbildung habens das Magenband zahlt und den Bauch auch gleich gmacht. Alles die Kasse, ein Wahnsinn.“ Die hagere Nasengepiercte trägt abgewetzte Nike-Sneaker, Undercut, ein Teenie noch. Wahnsinn, diese Geschichte, ja, aber deshalb, weil die junge Frau das ihrer interessierten Kollegin voller Neid erzählt. Sie ärgert sich, weil sie auch gerne Anspruch hätte auf das gratis Magenband. Endlich schlank, endlich schön, dank Gedärmverstümmelung. Brille, Zahnspange, Magenband, einerlei.

Dann bei der Kassa: „Gehns vor, Sie haben ja nur drei Sachen, ich bin ja so freundlich. Und zahlen tuts uns so oder so keiner.“ Sagt der knapp 60-jährige in der Schlange vor mir. Roter Kopf, bluthochdruckbedingt. Der Pensionist kauft Erdäpfel, in der Schale und als farblose Spirituose in der Flasche. Leere Geldbörse, leere Kalorien. Billige Lebensmittel, oder vielmehr eigentlich nur Nahrungsmittel. Schnäppchenangebot, statt Vollwert.

Der Mann muss schließlich zahlen – wie befürchtet aus der eigenen Börse – und bekommt harsche Anweisung: „Können Sie die Sachen bitte schnell ins Wagerl räumen. Da haben wir zu wenig Platz. Bitte schnell!“ Der grantige Kassier weiß, dass er sich beeilen muss. Dass er die Waren geschwind über den Scanner ziehen muss und darauf hoffen, dass die KundInnen nicht ewig Münzen suchen oder ungeschickt ihre Sackerl befüllen. Sein Job hängt davon ab. Schlecht bezahlt zwar, aber immer noch besser als bei der Konkurrenz. Der Diskonter ist im Umgang mit den Mitarbeitern nicht zimperlich. Die Schlange der Wartenden darf nicht zu lang werden. Für Höflichkeit und ein freundliches Wort für den einsam wirkenden Alten bleibt keine Zeit.

Ich selbst kaufe still meine Jause, die ich später an meinem Arbeitsplatz gedankenlos vorm Bildschirm verschlingen werde, verlasse hastig die Warenhalle durch die vom fröhlich grinsenden Rekrutierungs-Papplehrling – „Dein Typ ist gefragt!“ – bewachte Schiebetür.
Ich habe genug, ich will nur raus.

Supermarkt, Spiegel der Gesellschaft.

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