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Warum ich noch immer Tour de France schaue

Ja, ich schau die Tour de France.

Nicht alle Etappen und nicht jede Minute der ausgewählten Etappe, aber ich werde das TV-Gerät auch dieses Jahr wieder einschalten.

Dabei ist es mir nicht egal, dass dem Toursieger wahrscheinlich irgendwann der Sieg aberkannt wird. Mir ist auch nicht egal, dass die Kommentatoren das Thema Doping einfach ignorieren. Auch zweifle ich bei jeder Tempoverschärfung am Berg und nach 250  Kilometern. Zweifle daran, wie es sein kann, dass die Tour-Durchschnittsgeschwindigkeit bei über 40 km/h liegt, obwohl es nicht nur bergab geht. Ich vergesse nicht, welcher der Behelmten schon mal unfreiwillig pausieren musste. Ich ärgere mich über ehemalige Radgrößen, die glashaussitzend den Zeigefinger erheben. Bin enttäuscht, wenn lediglich das Trikot eines unbekannten Jungfahrers ein paar Tage weiß ist, nicht aber seine Weste.

Trotzdem: Ich schau mir die Tour durch Frankreich im TV an, weil ich…

  1. …dreiwöchige Sportevents per se großartig finde.
  2. …wadengestählten, kurzarmgebräunten Menschen gerne beim Radfahren zusehe.
  3. …gerne beim Zuschauen friedlich sabbernd einschlafe.
  4. …den Anblick der Pyrenäen- und Alpenkulisse genieße und mir ausmale selbst dort rumzuradeln.
  5. …gerne hoffnungslosen Ausreißern die Daumen drücke.
  6. …weil ich auf mich auf überraschende Wendungen durch Windkanten, Regengüsse, Bahnübergänge und Materialdefekte freue.
  7. …mir so zusätzliche Motivation für ausgedehnte Radausfahrten in der Sommerhitze hole.
  8. …mich dann manchmal aufraffen kann, die eigenen Fahrräder endlich wieder zu putzen und zu warten.
  9. …nicht müde werde zu betonen, dass nicht ALLE IMMER unerlaubt nachhelfen. Trotzreaktionsschauen, ein wenig.
  10. …weil ich mir einbilde erahnen zu können, wie es sich anfühlt drei Wochen im Sattel zu verbringen und ich das für eine beachtliche Leistung halte. Vom mörderischen Tempo noch gar nicht die Rede und egal ob mit oder ohne unerlaubte Hilfe.
  11. …den Wasserträgern und Helfershelfern (und den Sprintern in den Bergen) beim Abreißen und im Kampf gegen die Karenzzeit moralischen Beistand leisten will.
  12. …Radfahren ganz einfach sehr mag. Ich mag den Fahrtwind im Gesicht, die Sonne auf der Haut, den Salzschweiß im Gesicht, das Surren des Freilaufes, den Sog des Windschattens, die kurvige Abfahrt auf neuem Asphalt, die letzten Meter vor dem Gipfel, die müden Beine unter der kalten Dusche, die üppigen Mahlzeiten nach der Ausfahrt.
    All all das spüre ich, wenn ich vor dem TV-Gerät sitze. Solange dem so ist, werde ich weiterschauen.
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