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Übers Wochenende nach Sarajevo

Sarajevo ist nicht die schönste Stadt, auch nicht die größte oder die grünste. Die Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas ist aber sicher eine der interessantesten Städten, die ich je besucht habe. In der 500.000-Einwohner-Stadt ist der Krieg noch spür-, die vielfältigen kulturellen Einflüsse unverkennbar. Sarajevo ist aber sicher nicht nur für Balkan-Liebhaber eine Reise wert. Ein paar nützliche Tipps für den Wochenend-Trip:

Anreise: unbedingt den Bus nehmen

Wie schon beim Trip in den Kosovo, hieß es auch diesmal Asphaltband statt Wolkengleiten. Balkanländer nur mit Bus, zu fliegen ist da keine Alternative. Die Vorteile der Fahrt zu ebener Erd: Man kommt ins Gespräch mit Einheimischen, bekommt einen Eindruck über die Distanz, muss Grenzregime erleben und hat Zeit langsam anzukommen. Wenn man in Wien in das Wurmloch Flughafen steigt und zwei Stunden später andernorts ausgespuckt wird, hat man nichts von alldem. Die Busroute nach Bosnien: Graz, Maribor, Grenzübergang in Brod, an Zagreb vorbei, Zenica, Sarajevo. Die Hinfahrt dauerte knapp 12 Stunden, zurück Grenzkontrollen sei Dank noch ein wenig länger. Abfahrt aus Wien Erdberg am Donnerstagabend (18 Uhr), Ankunft kurz nach 5 Uhr am Busbahnhof in Sarajevo. Zurück ging es am Sonntagvormittag 11 Uhr, angekommen in Wien bin ich um 1 Uhr.
Auf der Hinfahrt konnte ich immerhin großzügig geschätzte fünf Stunden schlafen. So gut, wie man eben in Sitzkauerposition, an der Scheibe klebend, schlafen kann. „Belüg‘ dich ruhig, wenn es dir hilft!“, der lapidare Kommentar des müden Bruders zu meiner Schätzung.

Transport vor Ort: im Zweifel rein ins Taxi

Vom Busbahnhof in Sarajevo zum gebuchten Appartement waren es nur ein paar Minuten Fahrt mit dem Taxi. Der Taxilenker fuhr allerdings noch eine kleine Extra-Runde und verrechnet den Verschlafene-Touristen-Pauschal-Preis von 15 Konvertible Mark (KM). Die Rückfahrt am Sonntag kostete uns 3,60. Also 1,20 Euro pro Schwabo. Was mich zum eigentlichen Punkt bringt: In Sarajevo fährt man Taxi. Punkt. Super günstig, super unkompliziert – auch weil überall verfügbar. Wir ließen uns zur Gelben Festung, zum Fußballmatch, zu den Tunneln und jeweils immer wieder zurück zur Baščaršijska oder eben zurück in unsere Unterkunft chauffieren. Ist man in einer Kleingruppe unterwegs, darf man auch den ökologischen Fußabdruck mal vergessen.

Unterkunft: in Emirs Airbnb Appartement nächtigen

Bei 68 Euro (inkl. Gebühren) für 2 Nächte und 3 Personen habe ich nicht lange nachgedacht, im Vorfeld. Und mir auch keine Hostels, Hotels oder Pensionen angesehen. Emirs Airbnb Appartement „in the heart of the city“ schien die beste Wahl. Zentral gelegen, für 4 Personen, WLAN. Danke, gebucht. Was soll ich sagen, auch Vermieter Emir war unpackbar nett und stets per Mail erreichbar. Antwort bereits nach wenigen Minuten. Das Appartement entsprach dann auch den detaillierten Web-Beschreibungen. Erwähnenswert ist die ruhige Lage auf einer Anhöhe oberhalb des nahen Stadtkerns. Was aber auch heißt: wer nicht bergauf gehen will, wird bei Emir nicht froh. Eine kleine Bäckerei, mit einer deutschsprachigen Dame hinterm Tresen und ein Supermarkt, beide einen Steinwurf entfernt, stehen zusätzlich auf der Habenseite. Emir war auch gleich mit feinen Tipps zu Restaurants, Cafés und Bars zur Stelle. Fazit: uneingeschränkte Empfehlung.

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Sarajevo kulinarisch: Restaurant-Tipps

Apropos: Man kann vorzüglich speisen in Sarajevo. Also jedenfalls dann, wenn man ein Fan von Burek, Cevapi, Ayran und Co. ist. An dieser Stelle 3 Restaurant-Tipps für den Wochenendtrip nach Sarajevo:

Aščinica ASDž (Ćurčiluk mali 3)
Traditionelle Bosnische Küche. Originalrezepte, lokale Zutaten. Burek, Suppen, Eintöpfe, Fleischspeisen, Salate und Nachspeisen, wie Kadaif, Baklava, Tufahija oder Kompott. Auch Vegetarier und -innen werden fündig. Die Speisen werden hier stilecht in Sahans, traditionellen Metalltellern, serviert. Geordert wird direkt am Tresen. Die Bestellung wird dann an den Tisch gebracht. Täglich von 8-19 Uhr geöffnet. Unfassbar günstig (35 KM für 3 riesige Portionen inkl. Nachspeisen und Getränken). Mit Liebe und ohne chichi gekocht. Hingehen, genießen!

Cevabdzinica Zeljo (Kundurdžiluk 19)
Direkt in der Altstadt gelegen. Zahlreiche Einheimische essen dort. Es lohnt sich, ein paar Minuten auf einen freien Tisch zu warten. Bei Zeljo stellt der Kellner nur eine Frage: 5, 10 oder 15? Gemeint ist die Anzahl der Cevapi, die im Brot mit reichlich Zwiebel serviert werden. Wichtig: unbedingt Kajmak dazu bestellen. Bier gibt es hier keines, dafür gleich bei der Bar gegenüber. Stattdessen kühlen Ayran dazu. Last not least: Das Zeljo hat einen Fußball im Logo – muss ich mehr sagen?

Torte i to  (Zagrebačka 31E)
Auch in Sarajevo gibt es moderne Cafés. „Hipsterbude“, nennt das der Mitreisende und meint damit das Torte i to in der historischen Altstadt Sarajevos. Tipp: den Karottenkuchen mit Sour Creme-Topping bestellen! Der Tee ist übrigens von Bio-Qualität und kommt von Franz & Sophie, (Petrakijina 6), einem kleinen, feinen Teesalon unweit Emirs Apartment. Dort kann man inmitten wunderbarer Gerüche, Teeköstlichkeiten verkosten.

Sport unterwegs: Morgenlauf an der Miljacka

Der Morgenlauf in einer fremden Stadt gehört zu meinen liebsten Ritualen. Auch in Sarajevo habe ich die Laufschuhe geschnürt und bin – diesmal gar in Begleitung – losgelaufen, um die Stadt zu erkunden. Die kleine Expedition lief am südlichen Flussufer entlang der Altstadt bis in den Stadtteil Grbavica (dorthin sollte es uns auch am Nachmittag nochmals verschlagen). An der betonregulierten Miljacka dahin, vorbei an einschusslöchrigen Hochhäusertürmen. Bellende oder schlafende Straßenhunde an Hauseingängen. Die Runde führte uns vorbei an der iranischen, serbischen und griechischen Botschaft und dem Parlament. Am anderen Ufer dann flussaufwärts retour. Rein in die Stadt, am BBI Center vorbei, durch den Veliki Park den Hügel rauf Richtung Appartement. Eine feine Schleife!
Wer in Sarajevo läuft, trifft selbst auf der wohl meist frequentierten Route kaum auf Freizeitsportler. Als dreiköpfige Laufgruppe um acht Uhr morgens durch Sarajevo zu hirschen, zog die verwunderten Blicke der Müllmänner, Fensterputzerinnen und Anzugträger auf uns.
Klar ist, die Topografie der Stadt macht aber jeden Lauf zu einer abwechslungsreichen Angelegenheit. Rauf und runter immerzu – es sei denn, man läuft wie beschrieben an der Miljacka oder entlang einer der viel befahrenen Straßen in Flußnähe. Die Luft in Sarajevo sei nicht die allerbeste, liest man immer wieder. Im Dezember des Vorjahres wurden gar Schulen geschlossen und Atemmasken verteilt. Beim Morgenlauf habe ich hiervon aber nichts bemerkt.
Für die Off-Road-Läuferinnen und Läufer: die Hügel ringsum eignen sich sicherlich wunderbar zum Trail Running. Die lokale Trail Running Community hat mich auf meine Anfrage bezüglich feiner Laufstrecken gar umgehend zum gemeinsamen Training am Sonntag eingeladen. Danke an dieser Stelle für die nette Einladung – bei meinem nächsten Besuch bin ich gerne dabei! Leider musste ich diesmal zur anberaumten Trainingszeit bereits wieder in den Bus nach Wien, statt über Stock und Stein springen.

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Fußballmatch besuchen: Sarajevo Derby ohne Stargast

Sportlich – allerdings passiv – war auch das Samstagnachmittagsprogramm. Fußballschauen. Ein Besuch beim Ivica Osim-Klub Zeljeznicar im Stadtteil Grbavica. Bosniens Rekordmeister FK Zeljeznicar Sarajevo ist heute neben FK Sarajevo und Olimpic einer von drei 1. Liga-Fußballklubs in der Hauptstadt. Zeljeznicar, das bedeutet Eisenbahner. Der Name verweist auf den Hintergrund des Arbeitervereins und auf die Züge, die seinerzeit knapp oberhalb des Stadions ihre Runden drehten und die Besucher des Spiels mit ihren Signalhörnern grüßten. An diesem Samstag steht das (kleine) Derby gegen Olimpic an.

Das Stadion Grbavica bietet Platz für 16.100 Zuschauer und stand während des Bosnienkrieges genau zwischen den verfeindeten Lagern. Trotz dieser Lage überstand das Stadion den Krieg nahezu unbeschadet. (Jetzt soll das Stadion bald ausgebaut werden.) Derweil sitzt die absolute Mehrheit der Zuschauer, also die Zeljo-Fans, hinter den Toren. In der Kurve stehen sicherlich 2000 Blau-Weiße, die ordentlich klatschen.  Die Maniaks genannten Ultras singen die gesamte Spielzeit durch, teils mit beeindruckender Lautstärke. Kurios: Eine Lokomotive steht an der Längsseite und stößt zur Motivation der Eisenbahner-Kicker immer wieder graue Rauchwolken aus.  Es gibt kein Bier, dafür Kaffee und Nüsse. Für das Sitzplatz-Ticket auf der überdachten Nordtribüne löhnten wir 4 Euro. Da gab es auch noch Budget für einen blau-weißen Schal um 5 Euro bei einer netten Alten.

Das Zeljo-Stadion steht mitten im Wohngebiet, also zwischen Hochhausburgen im Norden und Einfamilienhäusern im Süden. Direkt hinter der Südtribüne der Verrückten schauen Anrainer aus dem Vorgarten oder dem Badezimmerfenster auf den Fußballplatz. Das hat Charme. Ich zähle ganze sechs akkreditierte Fotografen mit kleinen Digicams.

Ohne Politik geht es auch bei diesem Spiel nicht ab: die Manijaks enthüllen mehrere Transparente mit für mich nicht dechiffrierbaren Botschaften. „Tribunal“-Banner lassen sich dennoch einordnen. Zum Match: grottige erste Hälfte, dann Hattrick eines ehemaligen Karpfenberg-Legionärs. Die Zeljo-Fans beklatschen dankbar jede Aktion. Ein ehemaliger Spieler, jetzt beim Lokalrivalen, erhält gar Auftrittsapplaus. Kennt man so auch nicht, aus der heimischen Liga. Alles in allem ein netter Fußballnachmittag mit Wermutstropfen: konnte ich doch den besten Trainer der Welt nicht erspähen. Macht nichts, Ivica, ich komme wieder!

Mehr Bilderspaß gibt’s drüben bei Instagram.

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